Smart-Europa-Chef Wolfgang Ufer: „Auf den #2 warten Hundertausende“

Interview Wolfgang Ufer, smart-Europa-Chef
„Auf den #2 warten Hundertausende“

ArtikeldatumVeröffentlicht am 23.06.2026
smart hat seinen Relaunch mit größeren Modellen begonnen, #1 bis #5 sind zwischen 4,27 und 4,70 Meter lang. Wie verkaufen sich aktuell Ihre Modelle, die Sie im Markt haben, in Deutschland speziell?

Wolfgang Ufer: Aktuell nennt uns das KBA als eine der schnellst wachsenden Marken. Und auch wenn es nur relativ ist: Diesen Juni allein waren es 140 Prozent über Vorjahr. Wir wachsen also ordentlich und kommen jetzt auch in nennenswertes Volumen. Im ersten Quartal 2025 haben wir nicht richtig gepunktet, weil wir wegen der Strafzoll-Thematik preislich etwas zu hoch lagen. Jetzt haben wir allerdings auch alle drei Modelle voll im Markt und verfügbar, vor allem den #5. Hinzu kommt: Wir sind eine reine E-Marke. Wie ist die Stimmung hinsichtlich E-Autos? Wenn da ein gewisses Momentum entsteht, sind wir automatisch dabei. Wir freuen uns, dass der #1 gerade ein Revival erlebt in Deutschland, obwohl er schon ein paar Tage im Markt ist.

Ist der #5 das bestverkaufte Modell?

Ufer: #5 und #1 sind liegen etwa gleichauf, der #3 etwas dahinter. Der #1 hat eben gerade einen kleinen Sprung gemacht, wahrscheinlich auch durch Fördereinflüsse. Meines Erachtens ist das eine Bestätigung, dass die Förderung in Deutschland tatsächlich in diese Richtung funktioniert. Jetzt leisten sich Menschen ein Auto, die beim Haushaltseinkommen nicht ganz so hoch liegen, wie ein typischer #5-Fahrer. Da haben wir nämlich schon sehr liquide Kunden. Selbst beim #1 waren die Premium- bzw. Brabus-Lines sehr gefragt, jetzt nehmen wir wegen der Förderung einen Run auf die Einstiegsvarianten wahr.

Beim #5 ist die Relation zwischen Reichweite und Preis ziemlich gut. Das wird beim #2 nicht gelingen, oder?

Ufer: Da müsste ich jetzt mal selber kopfrechnen, aber ich glaube, das wird ganz ordentlich …

Sie merken schon: Das ist nur ein kleiner Versuch, Ihnen eine Hausnummer beim Preis zu entlocken ...

Ufer: (Lacht) Wir haben ja schon öfter gesagt, dass der Preis beim #2 (siehe Bildergalerie) nicht allein im Vordergrund steht. Wir wollen ein wunderschönes Design – unsere Designer nennen das "Function becomes Fashion". Das zweite ist die Technologie. Wir wollen alle tollen Features des smart fortwo beibehalten und nicht schlechter werden. So was wie die 6,95 Meter Wendekreis ist ein Key-Feature – schnell gesagt, aber da steckt unfassbar viel Entwicklungsarbeit drin. Vor allem wenn andere KPIs besser werden. Die Reichweite soll wachsen, da gehört eine größere Batterie dazu. Es soll da in Richtung 300 Kilometer gehen. Und dann kommt noch die Sicherheit dazu, die für smart immer charakteristisch war. All das muss man erst mal entwickeln und am Ende bezahlen. Und was uns während des gesamten Entwicklungsprojekts wichtig war, ist unser Einstieg. Denn wir wollen die komplette Zielgruppe von A bis Z ansprechen: Vom jungen Studenten, der ein günstiges erstes Fahrzeug braucht, oder einem B2B-Anbieter, der eine größere Flotte bewegt und sie zum Beispiel im Sozialbereich einsetzt, bis zu einem VIP, der ein kleines, schickes Fahrzeug für die Stadt sucht. Und deswegen war das für uns wichtig, dass wir den Einstieg gut schaffen. Wir werden den Preis dann im Oktober bei der Weltpremiere des Serienmodells bekannt geben, aber ich glaube, es wird ein gutes Verhältnis werden. Was würden Sie denn für einen angemessenen Preis halten?

Für Einstiegs-E-Autos wird ja vielerorts ein Preis von unter 20.000 bis maximal 25.000 Euro postuliert. Dazwischen kommt’s auf den Gegenwert an …

Ufer: Das war ein Entwicklungs-Fokus für uns und wir wollen ein tolles Auto für alle Zielgruppen schaffen. 25.000 Euro wäre für mich ein Stück zu hoch, um die Zielgruppen zu bedienen, die wir da im Sinn haben. Da sind eben auch Flotten dabei. Die wollen alle ein Einstiegsmodell, bei dem sie die vor allem die knappen Abmessungen nutzen.

Der Einstiegspreis soll also zwischen 20.000 und 25.000 Euro liegen. Welcher Grenze kommt er näher?

Ufer: Er wird unterhalb der Mitte liegen – aber wir können den Einstiegspreis jetzt im Juni noch nicht nennen. Dafür werden wir dann ein Auto anbieten, das schon sehr schön und sehr gut ausgestattet ist. Über die Ausstattungslinien mit tollen Materialien und entsprechenden Features können wir dann einen ganz anderen Teil der Zielgruppe gewinnen.

Absolut gesehen wird das sicher ein ansprechender Einstieg in die Marke. Aber wird der #2 in diesem Segment der besonders günstigen Fahrzeuge, die mehr Auto fürs Geld bieten, wirklich mitspielen können? Gibt es für zwei Sitze weniger zu einem höheren Preis genug Marktpotenzial?

Ufer: Ich bin absolut überzeugt, dass wir ein ganz großes Marktpotenzial haben. Allein wenn wir auf die schiere Anzahl der aktuell fahrenden smart fortwo blicken – speziell hier in Rom ist das extrem auffällig. Und unter den Fahrern des Vorgängers gibt es enorm viele Kunden, die wirklich darauf warten, dass das neue Fahrzeug kommt. Das ist für smart eine Situation, die wir so noch nicht hatten. Wir kamen bislang immer mit einem neuen Auto in ein neues Segment und müssen dort im Prinzip erobern. Im A-Segment der ehr kompakten Fahrzeuge haben wir aber ganz viele Bestandskunden. Alleine in Italien hat sich der smart fortwo seit 1998 knapp 600.000 Mal verkauft und rund 90 Prozent fahren immer noch. In Deutschland sind immer noch zwischen 300.000 und 400.000 Fahrzeuge dieses Typs unterwegs. Das sind unsere Bestandskunden. Deswegen sehe ich ein riesiges Potenzial. Vor allem weil unser Paket perfekt in die Zeit passt: Es wird den Schritt von der Verbrenner-Welt in die elektrische im urbanen Umfeld sehr einfach machen. Wir wissen alle, dass sich im Schnitt nur 1,5 Menschen in einem Auto fortbewegen, dass 75 Prozent der europäischen Bevölkerung in Großstädten wohnt und dass niemand im Durchschnitt mehr als 30 Kilometer täglich fährt. Das schaffen wir locker mit der Reichweite.

Ursprünglich war der smart mal eine Lösung, für Autos in der Stadt, die zu viel Platz beanspruchen für zu wenig Leute, die drinsitzen. Inzwischen scheint für die meisten Städte schon die schiere Zahl der Autos ein Problem. Glauben Sie, dass auch in Zukunft, individuelle Privatwagen noch ein Konzept für städtische Mobilität sind oder bewegen wir uns da nicht komplett weg davon Richtung Sharing, Shuttles, Robotaxis?

Ufer: Erstmal glaube ich, dass Individualverkehr auf jeden Fall noch eine deutliche Rolle spielt. Aber Sie haben Recht, in einer Stadt wird es mehr und mehr eine Belastung, ein sehr großes Fahrzeug zu bewegen oder einen Parkplatz dafür zu finden. Aber das ist genau das Spielfeld des #2. Wer sich ein privates Fahrzeug leisten kann und will und den Platz dafür hat, den Parkplatz, die Lademöglichkeit: Das ist unser Kunde. Gleichzeitig ist er aber auch unser Kunde, wenn er für eine Stadt Carsharing anbieten will. Sie können sich vorstellen, dass schon Firmen auf uns zukommen und hohes Interesse haben, wenn sie sehen, was wir für ein Fahrzeug in den Markt bringen. Also ich sehe beides parallel funktionieren, so wie es ja schon mit Car2Go super funktioniert hat, gerade mit dem smart fortwo. Ich glaube zudem weiterhin an Robo-Taxis. Das wird kommen. Die ist nur, wann. Wenn es dann da ist, werden wir als Marke sicher irgendwo auch Zugriff auf die entsprechenden Technologien haben. Aber im Moment planen wir mit individueller Mobilität.

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Was ist wichtiger am neuen #2: Dass er die Marke mit dem Nachfolger des einstigen Kernmodells komplett macht oder dass er großes Absatz-Potenzial hat?

Ufer: Ich nehme beides. Wir wollten immer eine Mehrproduktmarke sein und müssen das auch sein. Und der #2 ist das, was jeder Kunde im Kopf hatte – entsprechend viele haben gefragt: Wo ist der neue fortwo? Jetzt können wir entspannen, weil wir den Nachfolger zeigen können, und damit wird das Bild der Marke nochmal klarer. Und gleichzeitig haben wir das angesprochene Volumenpotenzial. Wir sind gut unterwegs und werden unser Volumen dieses Jahr ansatzweise verdoppeln. Aber wenn 2027 der #2 kommt, wachsen die Chancen noch mal. Und diese Plattform bietet weitere Möglichkeiten, die wir nutzen wollen.

Also nach dem fortwo-Nachfolger auch einen für den forfour?

Ufer: : Lassen Sie sich überraschen! Aber die neue #2-Plattform ist bis zu einem gewissen Maß skalierbar bei Radstand und Gesamtabmessungen. Dann kann auch die Batterie mitwachsen. Aber wir wollen natürlich keine zweite Linie zu unseren aktuellen Modellen aufbauen.

Das heißt, der #1 mit knapp 4,30 Meter wäre eine gewisse Obergrenze?

Ufer: Das wäre vermutlich sinnvoll.

Und welcher Art wären dann Fahrzeuge auf Basis der neuen #2-Plattform? Bislang haben Sie ja vor allem SUV im Angebot. Also ein SUV der 4-Meter-Klasse oder lieber ein klassischer Kleinwagen?

Ufer: Es gibt noch keine konkreten Planungen. Aber die Märkte n SUV in jedem Segment stark nach.

Wenn Sie jetzt eine Top 5 der Märkte nennen müssten für den #2, wie sähe die aus?

Ufer: Ich war im April auf der Messe in Peking und es hat mich gefreut, wie positiv auf unser smart Concept #2 reagiert wurde, gerade auch seitens unserer Investoren und Vertriebspartner. Aber ich kann nur für Europa sprechen. Und da ist in der aktuellen Situation Deutschland wirklich Top 1. Ich sehe aber auch ein Land wie Italien, das ist für mich ein strategisch sehr relevanter Markt. Wir sind nicht ohne Grund hier in Rom. Allerdings ist hier die Einstellung zum E-Antrieb noch nicht so selbstverständlich positiv wie etwa in Norwegen. In Italien liegt der E-Auto-Anteil bei vier bis sechs Prozent, selbst in Deutschland sind wir im letzten Monat bei 20 Prozent gelandet. Dennoch glaube ich, dass wir eine Riesenchance haben, weil der #2 viel Reichweite plus Fast Charging mitbringt. Also Nummer 2 ist Italien. Dann kommt Frankreich, auch historisch ein starker Markt, dann UK nicht zu vernachlässigen. Und dann teilt sich das auf mit Spanien und Portugal.

Wenn der #2 so beliebt ist in Europa, wie schaut es mit einer Produktion in Europa aus?

Ufer: Das können wir uns vorstellen. Aber wir sind unternehmerisch motiviert und können erst mit einem entsprechenden Volumen ernsthaft so einen Schritt wagen. Aber ich finde, esvernünftig,nftig über eine Produktion in Europa nachzudenken, wenn man gewisse Volumina erreicht hat. Im Moment ist es allerdings nicht geplant. Wir sind sehr gut aufgestellt mit unserem aktuellen Setup und einer zentralen, skalierbaren Produktion.

Der smart fortwo war ursprünglich mal als Elektroauto konzipiert, ist ein Verbrenner geworden, hat dann eine E-Variante hinzubekommen – aber der große Erfolg blieb aus. Schmerzt es Sie, dass der elektrische smart so richtig erst mit chinesischer Hilfe gelingt?

Ufer: Schon der fortwo war technologisch ausgereift als Elektrofahrzeug. 2007, 2008 gab es bereits eine elektrische smart fortwo-Flotte in London. Rein technisch gesehen ist es schon damals gelungen, einen elektrischen Zweisitzer auf die Straße zu bringen. Die wirtschaftliche Betrachtung war beim ersten Mal genau das Learning, aus dem heraus wir letztes Jahr das "Project two" bestätigt haben. Die Erkenntnisse aus den vergangenen Jahren bildeten quasi das Lastenheft. Dafür bekommen wir den Support von beiden Shareholdern. Einerseits steckt im #2 steckt enorm viel Know-how und Unterstützung von Mercedes. Andererseits muss man sagen: Die Technologie, die uns Geely zur Verfügung stellt, zusammen mit einer gewissen Skalierung, das ist top. Wir sind wirklich super happy, dass wir diesen Zugang haben. In China war der Fokus früh auf Elektromobilität, und das zeigt sich jetzt in einem gewissen Vorsprung. Was nicht bedeutet, dass sich das nicht nochmal ändern kann.

Geely kontrolliert ja noch ein paar europäische Marken wie Lotus und Volvo. In diesen europäischen Marken steckt inzwischen viel chinesische Technologie. Könnten sich alle Marken in Europa irgendwann zu hybriden Technologie-Marken entwickeln und die chinesische Industrie quasi die europäische unterwandert?

Ufer: Ich kann das nicht beurteilen. Aber ich sehe zum Beispiel die neuen Mercedes-Modelle. Das sind fantastische Produkte, E-Autos aus der eigenen Entwicklung. Ich würde zudem nicht sagen, dass Geely uns kontrolliert. Wir sind im Joint Venture sehr partnerschaftlich und gleichberechtigt aufgestellt. Das ist nochmal ein Unterschied zu Marken, die zu 100 Prozent Teil des Geely-Konzerns sind. smart selbst ist vor allem klein und effizient, kann schnell agieren, hat aber trotzdem die technologischen Möglichkeiten des Geely-Konzerns.

Die hohe Entwicklungsgeschwindigkeit sieht man auch anderswo, wenn chinesische Hilfe dabei ist. Worauf führen Sie das zurück, dass es bei den Chinesen so viel schneller geht?

Ufer: Ich glaube, es gibt dort eine andere Entwicklungskultur. Wo europäische Entwickler von Anfang an die 100-Prozent-Lösung anstreben, haben chinesische Entwickler verinnerlicht, dass sie bei softwarebasierten Fahrzeugen schon ab 95 Prozent den iterativen Weiterentwicklungsprozess beginnen können. Unsere europäischen Ingenieure fahren die Fahrzeuge bereits in einer frühen Entwicklungsphase. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse und Impulse fließen unmittelbar in die weitere Entwicklung ein und werden schnell in konkrete Verbesserungen für den finalen Serienstand umgesetzt.