Michael Gaedt
Mit 16 im S-Type

ArtikeldatumVeröffentlicht am 19.06.2026
Michael Gaedt
Foto: Hans-Dieter Seufert

Erstes Auto

Mein erstes eigenes Auto war ein Jaguar S-Type 3.8 aus dem Baujahr 1964 mit Schaltgetriebe und Overdrive in dunklem Weinrot mit hellgrauer Lederausstattung. Gekauft habe ich das Auto mit 16 Jahren von einem amerikanischen Soldaten, der wieder zurück in die Heimat wollte, für 350,- DM. Das Geld hatte ich während einer Ferienarbeit auf der Baustelle verdient, sonst hätte ich ja damals nicht über so einen astronomischen Betrag verfügt. Leider hatte der Jaguar schon ordentliche Rostlöcher, obwohl der Wagen ja gerade mal neun Jahre alt war – so war das damals in den Zeiten vor der kathodische Tauchlackierung! Mit Aluminium-Klebeband, Draht und einer Gun-Gum-Auspuffbandage habe ich ihn notdürftig repariert.

Natürlich hatte ich mit 16 Jahren noch keinen Führerschein, aber auf dem Land gab es genügend Feldwege, um das Auto laufen zu lassen – Standschäden sind schließlich nicht zu unterschätzen. Der Jaguar und meine zahlreichen Motorräder haben mich dann letztlich mit 17 Jahren für drei Wochen in den Jugendarrest nach Göppingen gebracht – das waren dann meine ganz persönlichen Standschäden.

Es war aber auch zu keck, dass ich, ohne Führerschein, aber dafür mit einem traditionellen türkischen "Fez" auf dem Kopf, meinen Großvater durch das Dorf gefahren hatte. Mein Opa hatte sich mit einem originalen Stetson-Cowboyhut ebenfalls unkenntlich gemacht. Das liest sich wie aus einem John Irving-Roman und war doch nichts weniger als eine glückliche Jugend auf der Schwäbischen Alb. Strafmindernd wurde mir damals angerechnet, dass ich mich mit 17 Jahren schon zum Führerschein angemeldet hatte. Kaum hatte ich den grauen "Lappen" in der Tasche, bekam der Jaguar rote Kennzeichen verpasst und ging mit mir und meinen Freunden auf ausgedehnte Spritztouren. Der famose Reihen-Sechser in der vergrößerten MK II-Karosserie und mit der Hinterachse des Jaguar E-Type ist der S-Type, meiner Meinung nach, heute immer noch sträflichst unterbewertet. Lang und flach ist er für mich so etwas wie der britische Maserati Quattroporte.

Schönstes Auto-Erlebnis

Mein schönstes und außergewöhnlichste Auto-Erlebnis war, als ich die Gelegenheit hatte, mit dem damals brandneuen Rolls-Royce Silver Seraph während eines dreitägigen Ausflugs durchs Salzburger Land zu ballern. Die Firma Auto König hatte ihr gesamtes Portfolio an den Start gebracht und eine Nobel-Uhrenmarke hatte eingeladen, sich mit Lamborghini, Maserati, Ferrari, Bentley und Rolls-Royce auszutoben. Meine Mitstreiter schlugen sich um die italienischen Supercars, der Rolls Royce mit dem etwas blöden Gesicht, wegen der kleinen Scheinwerfer Schlitze und der fehlenden Stoßstange, blieb ungeliebt stehen. Wie im Tanzkurs bleibt eben das pummelige und zu große Mauerblümchen übrig. Himmel, hatten wir aber einen Spaß! Das Riesenschiff, bei dem sich im Stand die Radkappen wieder so zur Fahrbahn ausrichten, dass das Doppel-R des Logos nicht kopfüber stehen bleibt, erwies sich als unglaublich beeindruckend. Geht ab wie ein Porsche Boxster S und bremst wie der Porsche Turbo. Eigentlich hatte keiner der Supersportwagen dem etwas entgegen zu setzen. Vielleicht wären die anderen Fahrer ja schneller gewesen als ich im Silver Seraph, aber es kam eigentlich keiner an mir vorbei. Da waren dann die öffentlichen Straßen und Autobahnen doch zu belebt und Auslaufzonen und Kiesbetten gibts eben im Salzburger Land auch nicht an jeder Ecke. Schön aufrecht sitzend, die rahmengenähten Budapester stecken bis zu den Knöcheln im hochflorigen Wollteppich und die Kniegelenke zeigen einen perfekten rechten Winkel während man mit jeweils zwei Fingerchen das dürre Lenkrad berührt und einem nur ein Gedanke den Kopf vernebelt: Die Welt da draußen ist so laut, so dreckig und hässlich, das habe ich mir jetzt aber redlich verdient!

Aktuelles Auto

Was fahre ich heute? Tesla Model S, erste Serie, Nosetip, Baujahr 2016. Inklusive free Supercharging und damit für einen Schwaben die süßeste Versuchung, seit es Autos gibt. Drehmoment wie Bolle, sämtliche elektronischen Helferchen schon am Start und damit der neueste Oldtimer, den man sich überhaupt kaufen kann. Wenn das Laden mal wieder etwas zu lange dauern sollte, bin ich ja immer noch mit dem Hund beim Gassi gehen oder mit meiner Frau im Straßencafé. Ich bin 13 Jahre lang Mercedes Diesel-Heckflosse gefahren, also weiß ich, wie sich eine lahme Durchschnittsgeschwindigkeit anfühlt. Aber ich bin trotzdem immer angekommen.

Mein Traumauto

Mein fast einhundert Jahre alter Amilcar Sportwagen, den ich mindestens 8000 Kilometer im Jahr fahre. Dieses kleine Wägelchen macht mir mehr Spaß, als alles andere was ich bislang fahren durfte. Kein Dach – egal, dann wird man eben im schlimmsten Fall ein bisschen nass. Kein Radio – egal, ich bin beschäftigt genug damit, das Rennerchen durch den Verkehr zu segeln. Kein ABS – egal, immer schön Abstand halten und immer schön die Augen offen. Kein Airbag – egal, dann pass halt auf!

Mit gerade mal 900 Kubik und 22 PS bin ich so schnell, dass sich der Weg zum Bäcker anfühlt, als wäre ich bei der Mille Miglia oder beim Bol d'Or. Und vom Nachhaltigkeitsaspekt her nicht zu schlagen: Ein bisschen Blech über einen Holzrahmen genagelt, ein bisschen Kautschuk, ein bisschen Aluminium, Gusseisen und zwei Polsterchen mit Kunstleder bezogen. Für meine Innenausstattung musste keine Kuh in den Paarhuferhimmel! Keine seltenen Erden, kein Polyethylen, Polypropylen, Polystyrol, Acrynitril-Butadien-Styrol, Polycarbonat, Polyethylenterephthalat, Polyoxymethylen und PFAS. Bis jetzt hat das Auto jede Krise der letzten einhundert Jahre überlebt und sollte es doch einmal vergehen, bleibt kein Sondermüll übrig, sondern man nimmt die Kehrschaufel und entsorgt es im Hausmüll – ganz ohne schlechtes Gewissen.