Kurioser Bahn-Fail: ICE biegt falsch ab und blockiert die S-Bahn. Mit an Bord: Jochen Kalka.

Erfahrungsbericht
Willkommen in der Geisterbahn!

ArtikeldatumVeröffentlicht am 24.04.2026
Jochen Kalka
Foto: MPS

Der ICE-Sprinter 1162 sollte am Mittwochmorgen um 7:03 Uhr leicht verspätet eigentlich von Stuttgart gen Berlin fahren. Doch schon nach drei Kilometern bog er in Bad Cannstatt falsch ab – in Richtung München. Als Geisterfahrer hielt er an der erstmöglichen S-Bahnstation "Neckarpark" – und blockierte damit im Berufsverkehr um 7:30 Uhr die S-Bahnstrecke. "Sie haben es vielleicht schon gemerkt", kam eine Durchsage kurz danach, "wir sind falsch abgebogen." Im Bahnsprech heißt das offiziell: Fehlleitung. Wir wissen auch nicht, was nun zu tun sei, hieß es etwas später, man warte auf Anweisungen, ob man wieder zurück nach Cannstatt fahren solle.

Die Geisterbahn war mit zirka 300 Fahrgästen besetzt. Der ICE-Sprinter, der seit Dezember von Stuttgart nach Berlin fährt, hält nur in Nürnberg und braucht gute 4,5 Stunden bis ans Ziel. Normalerweise.

Statt zurück ging es nach einer Pause weiter fehlgeleitet bis nach Esslingen. Mutmaßlich, um die S-Bahnstrecke zu räumen. Wer keine Lust mehr habe, nach Berlin zu reisen, könne hier aussteigen, hieß es in der nächsten Durchsage. Das Problem nun: Der Bahnsteig in Esslingen war voller Menschen, die laut Anzeige nach Tübingen wollten – und sich wunderten, dass dafür wohl erstmals ein ICE eingesetzt würde. Einige Fahrgäste blieben skeptisch zurück, andere stürmten den ICE – bis die Durchsage folgte, dass dieser Zug nach Berlin fahre, nicht nach Tübingen. Nach einer weiteren knappen halben Stunde fuhr der Zug tatsächlich wieder zurück, nächster Halt Nürnberg.

Die Deutsche Bahn behauptet auf Anfrage, dass es sich "bei den Fehlleitungen um Einzelfälle handelt." Tatsächlich lassen sich keine Statistiken dazu finden. Sie werden unter Betriebsstörungen subsumiert.

Was genau die Ursache der Fehlleitung in Bad Cannstatt war, verrät die Bahn nicht. Sie sagt pauschal: "Die häufigste Ursache ist, dass der Fahrdienstleiter im Stellwerk eine Weiche falsch stellt oder dem Zug einen Fahrweg freigibt, der nicht dem Fahrplan entspricht. Der Lokführer folgt den Signalen, die ihm gestellt werden, und biegt somit falsch ab."

Also ist das in etwa so, als ob man als Autofahrer falsch auf eine Autobahn abbiegt? Fehlt nur noch die Verkehrsdurchsage: "Auf der Strecke Stuttgart-München kommt Ihnen ein ICE entgegen." Besteht da nicht Lebensgefahr?

Das dementiert die Bahn heftig: Eine Fehlleitung sei zwar ärgerlich und führe zu Verspätungen, sei aber nicht gefährlich, da die Züge weiterhin signalgeführt seien und Sicherheitssysteme Zusammenstöße verhindern würden. Beruhigend.

Immerhin: Der Zug kam mit einer Verspätung von nur einer Stunde in Berlin an. Also fast überpünktlich.