Kein Tempolimit, dafür konsequente Ahndung: AvD-Präsident Linden im Gespräch

Interview
„Entscheidend ist nicht allein Geschwindigkeit“

ArtikeldatumVeröffentlicht am 02.06.2026
„Entscheidend ist nicht allein Geschwindigkeit“

Gegner eines generellen Tempolimits verweisen oft auf die im EU-Vergleich relativ sichere deutsche Autobahn. Befürworter kontern mit Unfallschwere bei hohen Geschwindigkeiten. Welcher Argumentation schließen Sie sich an?

Aus Sicht des AvD spricht die Statistik zunächst dafür, dass Autobahnen trotz fehlenden generellen Tempolimits zu den sichersten Straßen gehören. Nur ein vergleichsweise geringer Anteil (6,2 Prozent) von Unfällen mit Personenschäden ereignen sich auf Autobahnen, gegenüber vergleichbaren Unfällen innerorts (69,3 Prozent) und auf Landstraßen (24,4 Prozent). Entscheidend ist daher nicht allein die Geschwindigkeit, sondern vor allem eine an die Situation angepasste Fahrweise. Als Hauptursachen schwerer Unfälle gelten insbesondere Ablenkung, zu geringe Abstände, Fehler beim Spurwechsel sowie unangepasstes Verhalten bei Verkehr und schwierigem Wetter.

Würden Sie einen Feldversuch mit Evaluationsklausel unterstützen – und welche Faktoren sollten dabei untersucht werden?

Der AvD favorisiert grundsätzlich keine pauschalen Tempolimits, sondern situationsbezogene Maßnahmen. Ein wissenschaftlich begleiteter Feldversuch wäre aus dieser Perspektive allenfalls dann sinnvoll, wenn er ergebnisoffen durchgeführt wird und neben Unfallzahlen auch weitere Faktoren untersucht werden, wie etwa Unfallhäufigkeit und Unfallschwere, Verkehrsfluss und Stauentwicklung, Durchschnittsgeschwindigkeiten und Auswirkungen auf Konzentration und Fahrverhalten. Zu Bedenken ist hier, dass die Datenlage zu den tatsächlichen Wirkungen eines generellen Tempolimits bislang nicht eindeutig ist.

Wäre aus Ihrer Sicht eine Regelung mit grundsätzlichem Limit, aber dynamischen Freigaben denkbar?

Variable und dynamische Temporegelungen unterstützen wir bereits seit Längerem. Rund 30 Prozent der Autobahnabschnitte verfügen zudem bereits über feste oder variable Tempolimits, die sich an Wetter, Verkehrsaufkommen oder Baustellen orientieren. Diese intelligenten Verkehrssteuerungen bewertet der AvD ausdrücklich als sinnvoller im Vergleich zu starren pauschalen Begrenzungen, weil sie reale Verkehrsbedingungen berücksichtigen.

Was ist aus Ihrer Sicht das stärkste Argument für ein Tempolimit, das Sie anerkennen – auch wenn Sie letztlich dagegen sind?

Es stimmt, dass geringere Geschwindigkeiten in bestimmten Situationen die Unfallschwere reduzieren können. Ebenso kann ein gleichmäßigeres Geschwindigkeitsniveau den Verkehrsfluss stabilisieren und subjektiv das Sicherheitsgefühl erhöhen. Dennoch sieht der Club darin kein ausreichendes Argument für ein flächendeckendes, starres Tempolimit, da aus unserer Sicht gezielte Maßnahmen wirksamer sind.

Wenn Geschwindigkeit nicht das Hauptproblem ist: Was sind aus Ihrer Sicht die größten Treiber schwerer Autobahnunfälle? Und wie ließen sich diese entschärfen?

Schwere Autobahnunfälle sind in vielen Fällen weniger auf die reine Geschwindigkeit als vielmehr auf Fehlverhalten und komplexe Verkehrssituationen zurückzuführen. Ablenkung und Unachtsamkeit, zu geringe Sicherheitsabstände, riskante Spurwechsel sowie nicht angepasste Fahrweise sind gerade bei hohem Verkehrsaufkommen oder schwierigen Wetterbedingungen die häufigsten Ursachen. Auch Baustellen- und Engstellenbereiche gelten als besondere Risikozonen. Entsprechend setzt der AvD eher auf gezielte Maßnahmen als auf pauschale Tempolimits. Dazu zählen intelligentere Verkehrssteuerungssysteme, moderne Verkehrsbeeinflussungsanlagen sowie eine bessere Baustellenführung. Hier könnten auch Fahrsicherheits- und Aufklärungskampagnen hilfreich sein, als wichtigen Beitrag zur Erhöhung der Verkehrssicherheit.

Wie stehen Sie zu konsequenterer Ahndung von Drängeln und zu geringen Abständen – wäre das ein zielgenauerer Eingriff als ein generelles Tempolimit?

Ja – der AvD sieht in der konsequenten Ahndung von Drängeln, Abstandsunterschreitungen und gefährlichem Fahrverhalten einen zielgerichteteren Ansatz als ein pauschales Tempolimit. Gerade diese Verhaltensweisen tragen maßgeblich zu schweren Unfällen bei. Daher unterstützen wir ausdrücklich den Einsatz moderner Assistenzsysteme sowie eine intensivere Verkehrsüberwachung an besonders sensiblen und unfallträchtigen Orten. Also dort, wo Tempolimits aus Gründen der Verkehrssicherheit sinnvoll und gerechtfertigt sind, wie etwa im Umfeld von Kindergärten, Schulen, Seniorenheimen und stark frequentierten innerstädtischen Bereichen.

Für gewerbliche Flotten (Pkw und leichte Nfz) zählen vor allem Planbarkeit und Kostenbilanz. Wie bewerten Sie die Faktoren Verbrauch, Verschleiß und Sicherheit gegenüber Zeitvorteilen durch eine frei wählbare Geschwindigkeit und ggf. höhere Durchschnittsgeschwindigkeiten?

Niedrigere und gleichmäßigere Geschwindigkeiten können durchaus Vorteile bei Verbrauch, Reichweite, Verschleiß und Planbarkeit bieten. Man sollte hier aber auch berücksichtigen, dass viele Autofahrer selbst auf unbegrenzten Strecken ohnehin im Bereich von etwa 120 bis 140 km/h unterwegs sind. Der tatsächliche Zeitgewinn durch sehr hohe Geschwindigkeiten wird häufig überschätzt. Entscheidend ist aus Sicht des AvD die Freiheit, situationsabhängig und eigenverantwortlich zu entscheiden.

Bei E-Fahrzeugen wirkt hohes Tempo stark auf Reichweite und Ladebedarf. Wird das Tempolimit mit wachsendem EV-Anteil faktisch "durch den Markt" kommen – oder bleibt es ein politisches Instrument?

Die zunehmende Verbreitung von Elektrofahrzeugen führt bereits heute dazu, dass viele Fahrer freiwillig langsamer fahren, um Reichweite und Ladeeffizienz zu optimieren. Deshalb verliert das Tempolimit als Klimaschutzinstrument zunehmend an Bedeutung. Der Markt und technische Rahmenbedingungen könnten also teilweise selbst regulierend wirken.

Ihr Club ist zugleich Interessenvertretung für Autofahrer und im Motorsport aktiv. Wie trennen Sie in der Tempolimit-Debatte sportliche Faszination von verkehrspolitischer Verantwortung?

Der AvD unterscheidet klar zwischen Motorsport und öffentlichem Straßenverkehr. Auf öffentlichen Straßen gilt stets die Pflicht zu verantwortungsvollem und situationsangepasstem Verhalten. Die Begeisterung für leistungsfähige Fahrzeuge und technische Innovationen darf nicht mit riskantem Verhalten verwechselt werden. Verkehrspolitische Entscheidungen sollten faktenbasiert und sicherheitsorientiert getroffen werden. Der AvD sieht hier eine klare Trennung der beiden Autowelten, wenngleich sie für sich stets große Bedeutung für den Club haben.

Sehen Sie die "freie Fahrt" noch als Teil deutscher Autokultur und Ingenieursleistung? Oder ist das ein Argument, das die Branche heute eher belastet als stärkt?

Der AvD betrachtet die Möglichkeit des freien Fahrens auf Teilen der Autobahn weiterhin als Teil deutscher Automobil- und Ingenieurkultur. Besonders deutsche Fahrzeuge werden international auch wegen ihrer "Autobahnfestigkeit" mit hoher technischer Kompetenz verbunden. Gleichzeitig zeigt die aktuelle Debatte, dass dieses Symbol gesellschaftlich zunehmend kontrovers diskutiert wird. Der AvD hält dennoch daran fest, dass individuelle Mobilität, Eigenverantwortung und technische Leistungsfähigkeit, gerade in Verbindung mit modernen, sicherheitsgebenden Fahrassistenzen, weiterhin wichtige Bestandteile der deutschen Automobilkultur sind.