Cambios Vorgängerfirmen haben vor 36 Jahren als Pioniere in Deutschland mit dem Carsharing begonnen. Wie hat sich der Markt seitdem verändert?
Norbert Jagemann: Früher war Carsharing ein Nischenprodukt für überzeugte Enthusiasten mit Wurzeln in der Umweltbewegung. Die Leute kannten sich untereinander, Zeit und Kilometer wurden im Fahrtenbuch notiert. Bis vor Kurzem war mancherorts die regelmäßige Teilnahme an Info-Abenden für Nutzer verpflichtend. Heute ist es, zumindest in Mittel- und Großstädten, aber auch ein Massenmarkt – und nahezu vollständig digitalisiert. Wir halten Carsharing aber nach wie vor für ein wichtiges Instrument der Mobilitätswende. Der Großteil des Alltags ist für viele in der Stadt ohne Auto machbar.
Nur Autos an festen Stationen lassen sich zuverlässig im Voraus buchen und sind so eine echte Alternative zu privaten Pkw. Um ausschließlich mit Freefloating-Autos einen halbwegs adäquaten Service anzubieten, müssten auch im knappen Stadtraum wesentlich mehr Autos zur Verfügung gestellt werden. Das aber können sich nur investorengetriebene Anbieter leisten, und es verstopft den öffentlichen Raum. Noch hat kein Freefloating-Anbieter in Deutschland gezeigt, dass er real kostendeckend arbeiten kann. Die meisten sind vom Markt verschwunden oder werden wie heiße Kartoffeln weiterverkauft. Wir sind seit 36 Jahren am Markt und beweisen, dass das stationsbasierte Modell nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch nachhaltig funktioniert.
… ja, aber vor allem, um in den Aufbau zu investieren. Es geht uns nicht darum, eine Rendite zu erwirtschaften, um Kapitalgebern ihre Ansprüche auszuzahlen. Unser gesamtes Kapital kommt von Mitarbeitenden, Kunden und vielen Unterstützern. Unsere Mission sind nicht hohe Renditen, sie ist Carsharing.
Die Schadenskontrolle dauert im Regelfall rund 60 Sekunden. Das sollte jeder machen. Wir arbeiten daran, sie noch komfortabler und digitaler zu gestalten. Dass wir uns mit Kunden wegen Schäden auseinandersetzen, kommt fast nicht vor. Unsere Faustformel: Alle Kratzer, die kleiner sind als eine Kreditkarte, sind unser Risiko – Schwamm drüber.
Das hängt natürlich von der Nutzung ab. Grob überschlagen ist der private Pkw bei weniger als 1000 gefahrenen Kilometern pro Monat generell teurer als stationäres Carsharing. Je weniger ich fahre, desto mehr spare ich – wegen der ganzen Fixkosten, die ein Autobesitzer hat.
Die Wirtschaftsflaute führt auch dazu, dass unsere Kundschaft weniger Auto fährt. Wir wachsen derzeit langsamer, und natürlich müssen auch wir unsere Preise von Zeit zu Zeit anpassen. Aber wir optimieren ständig alle internen Prozesse, bauen den digitalen Selfservice für unsere Kundinnen und Kunden immer weiter aus, und vor allem bieten wir ihnen einen hervorragenden Service direkt vor der Haustür. Unser Ziel ist es, für Gelegenheits- und Alltagsfahrten günstiger zu sein als ein Privat-Pkw.
Auf dem Land gibt es viele ehrenamtliche Carsharing-Anbieter. Für professionelle Anbieter ist das aber selten tragfähig. Im Moment lebt Carsharing noch sehr von der Anwohnerdichte. Und auf dem Land haben viele Haushalte auch ein eigenes Auto.
Es ist sogar viel verlässlicher, weil – sollte doch mal ein Auto aus technischen Gründen ausfallen – die restliche Carsharing-Flotte zum Ausweichen parat steht. Unsere Zuverlässigkeit liegt kontinuierlich oberhalb von 99,8 Prozent. Wenn ein Firmenwagen wegen Panne oder Unfall nicht verfügbar ist, steht im Normalfall keine große Ausweichflotte bereit.
Carsharing wird, wie alle anderen Dienstleistungen auch, immer weiter digitalisiert, die App wird immer mehr von der Kommunikation zwischen Anbieter und Nutzenden übernehmen. Spannend ist, ob das teleoperierte Fahren einen Beitrag zur Verbreitung von Carsharing im ländlichen Raum leisten wird – also dass ein "Fernfahrer" aus der Distanz ein Auto zum Kunden bringt.
Bei uns wird es keinen Porsche geben. Sexiness entsteht bei uns durch eine hochgradig bequeme und zuverlässige Mobilitätsdienstleistung – unser Statussymbol ist die gewonnene Zeit und Freiheit.
Kurzporträt Cambio:
Cambios Vorgängerfirmen starteten 1990 mit zwei Autos als "StadtteilAuto Aachen e.V." Damals noch mit persönlicher Übergabe und Fahrtenbuch. 1998 nutzten dann schon mehr als 1.000 Menschen das Angebot. Im Jahr 2000 folgte die Fusion von StadtteilAuto Aachen mit StattAuto Köln und StadtAuto Bremen als cambio-Gruppe. Heute ist die Firma mit mehr als 160.000 Kundinnen und Kunden einer der größten Anbieter von stationsbasiertem Carsharing in Deutschland. Wer bei cambio angemeldet ist, kann deutschlandweit auf mehr als 11.300 Fahrzeuge von Cambio und seinen Partnern zugreifen. Cambio selbst besitzt rund 2700 eigene Fahrzeuge vom Kleiwagen bis zum Transporter. Das Unternehmen verfolgt das Ziel nachhaltiger Mobilität und will eine Alternative zum eigenen Pkw sein. An festen Stationen können Autos für eine Stunde oder mehrere Wochen gebucht werden. Abgerechnet wird nach gebuchter Zeit und gefahrenen Kilometern. Sprit oder Strom sowie die Versicherung sind inklusive. Eine Studie ergab, dass ein geteiltes Auto in Bremen rund 19 private Pkw ersetzt. Cambio gehört etwa jeweils zur Hälfte seinen Mitarbeitern und seinen Kunden.
