Chinas Angriff auf die Autoindustrie: „Das Zeitfenster für eine Antwort schließt sich“

Wie umgehen mit der Herausforderung China?
„Das Zeitfenster für eine Antwort schließt bald“

ArtikeldatumVeröffentlicht am 02.06.2026
Moove 241 Alexander Timmer Berylls by AlixPartner
Foto: Berylls

Alexander Timmer ist Managing Director und Partner bei Berylls by AlixPartners und begleitet nach eigener Aussage seit fast zwei Jahrzehnten die Transformation der Automobilindustrie. Im Podcast mit Gerd Stegmaier und Luca Leicht analysiert der promovierte Maschinenbauer die Dynamik in China und fordert ein Ende der "Problembewunderung" am Standort Deutschland.

KI-gestützte Zusammenfassung des Gesprächs:

Gerd Stegmaier: Alex, wer bist du, was machst du und was ist deine Mission?

Alexander Timmer: Ich bin Managing Director und Partner bei Berylls by AlixPartners. Ich habe Maschinenbau studiert und arbeite seit 17 bis 18 Jahren an der Transformation für Hersteller und Zulieferer. Meine Passion ist es, Mobilität nachhaltig, profitabel und erlebbar zu machen.

Luca Leicht: Ist es überhaupt sinnvoll, dass wir immer wieder auf den chinesischen Markt schauen, während wir hier im eigenen Land genug Probleme haben?

Timmer: Was ist die Alternative? Sich nur auf den heimischen Markt oder Europa zu konzentrieren, ist sicher nicht die Antwort. China ist der größte Automobil-Einzelmarkt der Welt mit Kapazitäten von etwa 55 Millionen Fahrzeugen. Dort werden technologische Trends durch kurze Innovationszyklen und Kundennähe gesetzt. Wir können viel lernen, um unsere heimischen Probleme zu lösen.

Stegmaier: Es kursieren oft unterschiedliche Zahlen zur Antriebswende in China. Wie hoch ist die reine E-Auto-Quote bei den Neuzulassungen dort wirklich?

Timmer: Bei den sogenannten New Energy Vehicles (NEVs), die Elektroautos, Plug-in-Hybride und Range Extender zusammenfassen, liegen wir bei über 50 Prozent der Neuzulassungen. Schaut man nur auf die reinen Batterie-Elektrofahrzeuge (BEVs), liegen wir knapp über 30 Prozent. In der gesamten Bestandsflotte liegt der Anteil der NEVs bei etwa 9 bis 10 Prozent, die reinen BEVs machen dort 6 bis 7 Prozent aus.

Stegmaier: In China sind zuletzt Förderungen ausgelaufen und die Zulassungszahlen brachen ein. Hat China hier den gleichen Fehler gemacht wie die deutsche Politik?

Timmer: Ich würde nicht von einem Fehler sprechen. Wir haben in China aktuell etwa 140 bis 145 Marken, von denen nur etwa 30 Prozent ein jährliches Volumen von über 100.000 Einheiten haben. Das Auslaufen der Förderung ist ein industriepolitisch gesteuerter Mechanismus für einen "Shakeout", also eine Konsolidierung des Marktes. Man will sehen, wer sich halten kann, wer profitabel ist und ein attraktives Portfolio hat.

Leicht: Kam dieser Schritt in China genauso abrupt wie in Deutschland?

Timmer: In China wird viel über Fünfjahrespläne langfristig gesteuert. Wer glaubt, dass dort Entscheidungen im blinden Aktionismus von heute auf morgen getroffen werden, irrt. Für uns und unsere Kunden war das Ende der Fördermechanismen absehbar. In Deutschland war es dagegen unglücklich, weil es unvorhersehbar kam und man hier eher über Restriktionen und Verbote statt über Markt-Anreize steuert.

Stegmaier: China produziert deutlich mehr Fahrzeuge, als im eigenen Land verkauft werden können. Was bedeutet dieser Exportdruck für uns?

Timmer: Wir haben dort massive Überkapazitäten. Jeder Hersteller, mit dem ich gesprochen habe, möchte nach Europa, in die USA oder nach Middle East expandieren. Etwa 25 Prozent der chinesischen Exporte gehen bereits nach Europa, und dieser Anteil wird tendenziell steigen. Das Produktangebot, das rüberkommt, ist hoch attraktiv.

Leicht: Werden die Chinesen ihre Autos dauerhaft zu uns verschiffen oder hier auch lokal produzieren?

Timmer: Das Export-Geschäft ist nur ein temporärer Faktor. Wir prognostizieren, dass sich die Anzahl der Fahrzeuge, die von chinesischen Herstellern außerhalb Chinas produziert werden, bis 2030 verdreifachen wird. Das findet dann "local for local" statt, was auch Vorteile für die hiesige Industrie durch Wertschöpfung und Arbeitsplätze bietet.

Leicht: Wie schätzt du die Qualität der neuen chinesischen Marken ein, wenn man direkt vor ihren Messeständen steht?

Timmer: Die Diskussionen über schlechte Spaltmaße oder Klappern führen wir nicht mehr, wir sprechen inzwischen über eine Diskussion auf Augenhöhe. Die Differenzierung durch Qualität und "Made in Germany" verwäscht zunehmend. Die chinesischen Hersteller treten mit einer großen Selbstverständlichkeit auf und bieten Spitzen-Produkte an. Das setzt die heimische Industrie massiv unter Zugzwang, was Kosten und Alleinstellungsmerkmale angeht.

Leicht: Aber warum ist das Elektroauto eigentlich so oft das Synonym für ein voll vernetztes "Software-Fahrzeug"?

Timmer: Das Antriebskonzept erlaubt eine ganz andere Raumaufteilung im Innen- und Exterieur. Der höchste Kaufanreiz für Kunden in China ist heute nicht das "Green Mindset", sondern dass die Fahrzeuge "feature rich" sind. Das fängt beim automatischen Öffnen der Türen an und geht bis zur Steuerung des Innenraums über Infotainment-Systeme.

Stegmaier: Du hast gesagt, dass die technologische Augenhöhe bei der Batterietechnologie zwischen Europäern und Chinesen eine Illusion sei. Wie groß ist der Rückstand?

Timmer: Die chinesischen Zelllieferanten haben die Technologie bereits im Griff. In Europa sind wir gerade erst dabei, die Technologie überhaupt in den Griff zu bekommen. Wir haben dort einen Verzug von etwa fünf bis acht Jahren. Während wir noch in der ersten Phase stecken, konzentrieren sich die Chinesen bereits auf die nächste Stufe: die Kostenreduktion in der Fertigung.

Leicht: Warum schaffen wir es in Europa nicht, unsere Kräfte zu bündeln und beispielsweise gemeinsam Software oder Batterien zu entwickeln?

Timmer: Wir betreiben in Deutschland und Europa leider viel "Problembewunderung". Wir haben verstanden, dass wir etwas verändern müssen, aber es hat sich bisher nicht so fundamental und disruptiv etwas bewegt wie in China. Es ist eine Frage von "Now or Never". Ich sehe ein Zeitfenster von etwa 12 bis 18 Monaten, das wir für disruptive Ansätze nutzen müssen.

Stegmaier: Wie könnten diese disruptiven Ansätze konkret aussehen?

Timmer: Wir müssen über neue Formen der Zusammenarbeit nachdenken, vielleicht sogar über eine neue Marke in Europa in Kooperation mit Technologieplayern. Wir brauchen Kollaborationsplattformen, um den technologischen Verzug bei E-Motoren und Batterien zu kompensieren. Es gibt bereits eine Initiative, an der wir seit 12 bis 18 Monaten arbeiten, bei der namhafte Hersteller und Zulieferer aus Europa gemeinsam versuchen, den Standort für die Batterie-Elektromobilität wetterfest zu machen.

Der komplette Podcast hier