Stellantis- und Opel-Designchef im Interview: "Wir müssen positiv schizophren sein"

Designchefs von Stellantis und Opel im Interview
„Wir müssen positiv schizophren sein“

ArtikeldatumVeröffentlicht am 26.06.2026
„Wir müssen positiv schizophren sein“
Foto: Stellantis
Mit ihrer Person gibt es erstmals einen Chefdesigner im Konzern. Welches Potenzial sehen Sie in dieser Rolle und welche Erwartungen sind damit verknüpft?

Gilles Vidal: Mit seinen unterschiedlichen Marken hat Stellantis ein fantastisches Potenzial. Solange die Marken eigenständig agierten, haben sie jeweils das getan, was notwendig war, um profitabel zu sein und um hochwertige Produkte anzubieten. Jetzt, da wir vereint unter einem gemeinsamen Dach sitzen, können wir völlig neue Synergien heben. Das betrifft nicht nur den Einkauf oder die Effizienz im Allgemeinen, sondern auch die Aufmerksamkeit, die wir der Markenpositionierung und den Markenspezifika widmen können. Wir können die Marken strategisch ganz anders voneinander abheben und sicherstellen, dass sie ihre Wettbewerber außerhalb des Konzerns avisieren und nicht sich untereinander Konkurrenz machen. Das gilt auch für das Design: Wir wollen mit unseren Teams ein System schaffen, das Kreativität fördert und sie auf das höchste Niveau hebt, für jede Marke mit eigener Interpretation, eigener Umsetzung, eigener Positionierung.

Wie können Sie vom Design her vermeiden, dass Konzernmarken, die ähnliche Segmente besetzen, dennoch intern konkurrieren?

Manche Kunden werden natürlich trotz unserer Bemühungen einen Opel und einen Peugeot vergleichen und entscheiden, welchen sie kaufen wollen. Aber wir werden alles daransetzen, dass immer mehr Menschen einen Opel oder einen Peugeot zunächst mit einem anderen Wettbewerbs-Produkt vergleichen.

Wenn Sie zurückblicken auf die Zeit nach der Stellantis-Gründung: Wie würden Sie diesen Abschnitt unter dem Gesichtspunkt des Designs und der Kreativität beschreiben? Aus unserer Sicht war das im Konzern eine schwierige Periode.

Zu jener Zeit war ich in einem anderen Unternehmen tätig (Renault, Anm. d. Red.) und kann das nicht kommentieren. Seither hat sich vieles verändert, nicht zuletzt das Top-Management, die ganze Unternehmensführung. Heute ist Stellantis für mich ein Konzern, in dem man großartige Dinge erreichen kann. Ich bin überzeugt davon, dass wir mit unseren 14 Marken in der Lage sind, das Richtige für die Zukunft zu tun, um als Unternehmen erfolgreich zu bleiben.

Mark Adams: Als Opel damals erst Teil von PSA und dann von Stellantis wurde, mussten wir uns neu erfinden. Jede Baureihe, jedes Modell musste komplett neu konstruiert werden, weil die technische Basis eine andere war. Die Plattformen, die Technik, die Anlagen, die Fertigung, alles war anders. In dieser großen ersten Runde, in der Sie Ihr gesamtes Portfolio durchgehen, räumen Sie viele Dinge auf und stimmen die Grundlagen neu ab. Daher haben wir uns im ersten Schritt auf unsere Kernmodelle fokussiert und diese komplett erneuert. Jetzt, wo wir das geschafft haben, bringen wir auch GSE-Modelle zurück. Modelle mit stärkerer Persönlichkeit, Technologie und Dynamik. Das werden wir noch weiter vorantreiben.

Mark Adams
Opel
Als wir vor einigen Jahren zum ersten Mal den neuen Astra sehen konnten, hatten wir den Eindruck: Man erkennt noch, dass es ein Opel ist. Das war anders als bei anderen Marken des Konzerns. Hatten Sie bei Ihrer Rückkehr dasselbe Gefühl bezüglich der Marke? Dass Opel etwas Besonderes darstellt?

Gilles Vidal: Ja, sicher. Allein die Tatsache, die einzige deutsche Marke in der Gruppe zu sein, ist natürlich eine Besonderheit. Aber die Markenführung, das Branding war bei Opel immer sehr konsistent. Der Astra etwa hat für mich ein starkes, cleveres Design, sehr aussagekräftig. Dennoch müssen wir Opel wie auch die anderen Marken auf die nächste Stufe heben und intensiv weiterentwickeln. Der Markt erfordert das und diejenigen, die das nicht tun, werden möglicherweise verschwinden.

Wo sehen Sie bei den Stellantis-Marken am ehesten Handlungsbedarf in Bezug auf Design und Markenführung?

Gilles Vidal: Ich denke, wir wissen sehr genau, was es braucht, um interessante Marken und Produkte zu entwickeln und zu bauen. Es liegt jetzt an uns, für jede Marke zu liefern. Wir müssen einfach besonders gut sein in dem, was wir tun, um das Niveau zu erreichen, das uns von anderen sehr guten Autos absetzt. Das ist eine große Aufgabe, denn Stellantis ist ein sehr großes Unternehmen. Diese Größe ist in wirtschaftlicher Sicht hilfreich, aber gleichzeitig auch eine Herausforderung. Wir müssen uns bei der Technik, beim Produkt und beim Marketing sehr eng abstimmen, damit wir trennscharf bleiben.

Stellantis

Dazu müssen wir schnell in der Ausführung sein. Einerseits in der Kreativ-Phase, aber auch in der Umsetzung und Anpassung. Das ist der Schlüssel für eine gute Performance. Wir müssen uns so organisieren, dass wir trotz der Größe des Unternehmens agil und schnell sind.

Innerhalb von Stellantis gibt es neben Opel einen großen italienischen und einen großen französischen Teil. Wie schafft man es, für diese drei verschiedenen Welten dieselben Ziele und Maßnahmen zu entwickeln und umzusetzen?

Italienische Marken müssen sich italienisch anfühlen, französische Marken müssen sich französisch anfühlen, also müssen wir in positiver Hinsicht schizophren sein und jeder Kultur und jedem kulturellen Designerbe treu bleiben. Das gilt nicht nur für die Nationalitäten, sondern für jede einzelne Marke. Es ist vom Prinzip her nicht schwer, wir müssen nur sehr gründlich und clever sein. Ein gutes Beispiel für Modelle, bei denen das trotz einer gemeinsamen technischen Basis gelungen ist, sind der Peugeot 3008 und der Opel Grandland. Alle Varianten, inklusive DS7 und Citroen C5 Aircross, sind sehr unterschiedlich in Bezug auf Fahrverhalten, Handling und Design. Trotzdem sind sie technisch eng verwandt. Das ist ein ausgezeichnetes Beispiel für Synergien zwischen Modellen, bei denen die Markenspezifika dennoch vollständig erhalten bleiben.

Mark Adams: Die Tatsache, dass wir viele Marken im Stellantis-Konzern haben, führt auch dazu, dass wir uns noch intensiver auf die Dinge konzentrieren, die jede Marke stark machen und diese dann besonders herausarbeiten. Wir haben uns darauf konzentriert, was die einzelne Marke auszeichnet, das schärft den Fokus.

Opel war in den 70er- und 80er-Jahren bekannt für Ikonen wie den GT, den Manta, aber auch Commodore und Diplomat. Das Image der Marke war ausgezeichnet. Glauben Sie, dass Opel die Chance hat, sich wieder höher und sportlicher zu positionieren?

Gilles Vidal: Wenn wir das in der Preisklasse von Mainstream-Marken liefern, wenn wir überlegene Qualität, überlegenes Design, überragende Cockpit-Erlebnisse auf einem Qualitätsniveau bieten würden, das der Premium-Welt entspricht, das wäre wirklich genial.

Mark Adams: Eine hohe Qualitätsanmutung zum richtigen Preis, vielleicht sogar etwas mehr bekommen, als man erwartet. Das streben wir an, denn wir wollen die Marke in Zukunft so weit wie möglich ausbauen.

Gilles Vidal: Preis/Leistung in Verbindung mit einem hochwertigen Design, was sich mit den Topversionen auch noch nach oben ausdehnen ließe, mit besserer Ausstattung, hochwertigeren Materialien, aber auch mehr Sportlichkeit. Wenn wir das innerhalb eines erschwinglichen Preisrahmens anbieten könnten, wäre das großartig – denn genau das verlangt der Markt, und nicht viele Marken können hier liefern.

In unserer diesjährigen Leserwahl "Best Cars" hat uns ein siegreiches Modell überrascht, der Renault R5 mit seinem Retro-Design. Wir glauben, dass dies auch einem Opel Manta gelingen könnte.

Gilles Vidal: Es ist ein Rezept, das funktioniert durch seine Vertrautheit. Aber es muss auch im hier und jetzt relevant sein und technisch überzeugen, dann kann es auch kommerziell erfolgreich werden. Bei Opel gibt es dafür ebenfalls viel Potenzial und natürlich auch einige historische Ikonen. Mehr kann ich heute nicht sagen.

Welche Rolle spielt die heutige Gesetzgebung bei der Umsetzung von diesen und anderen Produktideen für Sie?

Mark Adams: Ich verwende gerne Formel-1-Analogien. Dort ändern sie gefühlt jedes Jahr die Regeln, um den Wettbewerb zu einer größeren Herausforderung zu machen. Aber jedes Jahr finden die Teams auch neue Wege, sich zu verbessern und das Regelwerk auszureizen. Das ist auch unser Ziel. Ja, die Rahmenbedingungen sind schwierig, es gibt Herausforderungen, neue Technologien, neue rechtliche Beschränkungen, aber wir müssen eben kreativ sein und neue Lösungen finden.

Haben Sie ein Lieblingsmodell unter Ihren Entwürfen? Gibt es ein Modell mit einem besonderen Bezug, einer persönlichen Geschichte?

Gilles Vidal: Die zweite Generation des Peugeot 3008 (2016) war für mich ein ziemlich herausforderndes Projekt. Später wurde er zum "Car of the Year" gewählt und war auch kommerziell ein Erfolg – eine schöne Bestätigung. Und, ebenfalls bei Peugeot, das Konzept-Coupé "e-Legend" (2018) war einfach verrückt. Wir haben versucht, dabei möglichst realistisch zu sein, aber seine Wirkung ging weit über das hinaus, was wir uns erhofft hatten. Ich erinnere mich aber auch gerne an meinen Opel Corsa. Als ich am Art Center College of Design studierte, fuhr ich einen Corsa A mit Ein-Liter-Motörchen und Viergang-Schaltung. Damals passten alle meine Habseligkeiten in das Auto. Als ich später umstieg auf einen Corsa Viva mit 1,2-Liter-Motor und fünf Gängen, war das geradezu luxuriös!