Mein erster Versuch, mich möglichst autonom durch Peking navigieren zu lassen, scheitert kläglich. Was nicht am Mercedes MB.Drive Assist Pro liegt, sondern an mir. Ich bin Frühbremserin und vertraue der Technik nicht – zumindest nicht am Anfang. Dabei stehen Sensoren rundum, Tele- und Weitwinkel-Kamera, 360 Grad-Rundumsicht sowie Spurwechsel- und Totwinkelüberwachung bereit, um mich im städtischen Dschungel zu entlasten. Und der ist in Peking besonders dicht. Fußgänger, vor allem ein Meer von unorthodox daherkommenden Motorrollern und die vielen Autos machen es für Europäer zu einer echten Herausforderung, hier mitzukommen – kein Wunder, dass Touristen sich zunächst einmal einen speziellen Führerschein besorgen müssen, bevor sie überhaupt loslegen dürfen.
Level 2++ macht also alles leichter – und ist deshalb in China auch so beliebt. Mercedes bietet als einziger deutscher Hersteller das System in vier Städten an und plant den landesweiten Rollout in diesem Sommer. Ende 2026 geht es in den USA los, im Verlauf des Jahres 2027 auch in Europa.
Vertraue dem System!
Bernd Woltermann lebt seit vielen Jahren in China und verantwortet dort bei Mercedes im Entwicklungsbereich die Assistenzsysteme: "Zweimal drücken, dann ist das System bereit." Gesagt, getan, ich rolle vom Parkplatz des Hotels – und bremse, um nicht den ersten Motorroller umzufahren. "Das macht das System selbst," erläutert Woltermann. Den Warnton, der kommt, wenn man das System durch den Bremseingriff wieder deaktiviert, überhöre ich vor lauter Aufregung. Zu viele Eindrücke strömen auf den ersten Metern auf mich ein, deshalb verpasse ich es auch, auf der geplanten Route links abzubiegen. Erst nach einer kurzen Eingewöhnungszeit fange ich an, Level 2++ mehr zuzutrauen als mir selbst. Als ich registriere, dass der Bremseingriff rechtzeitig erfolgt, damit ein hochbetagter Mann am Rollator die riesige Kreuzung einer vierspurigen Straßenschlucht überqueren kann, wird mir klar, dass ich mir keine Gedanken machen muss.
Die Straßen ändern sich, sind mal breit und dann wieder ganz schmal. Das Leben in Peking findet traditionell auf der Straße statt. Deshalb muss man mit vielen überraschenden Begegnungen rechnen. Das Auto blinkt selbsttätig, weicht aus, wechselt die Spur und weicht höflich aus, wenn sich ein anderer Mobilitätsteilnehmer nähert. Egal, ob mit zwei oder vier Beinen oder mit zwei oder vier Rädern – der CLA macht seine Sache gut, seitdem ich begriffen habe, dass mein Fuß nicht mehr auf die Bremse gehört, dafür aber meine Hände ans Lenkrad, um trotzdem jederzeit übernehmen zu können. Denn Level 2++ bedeutet, dass die Verantwortung beim Fahrer bleibt. Er darf also nicht zwischendurch lesen oder sein Smartphone checken. Das gäbe auch in China einen Strafzettel, der dem Piloten per App zugestellt werden würde.
Kooperation mit Nvidia
Alle Informationen, die bei der Rundum-Überwachung des Autos gesammelt werden, laufen im Kofferraum in einem Hochleistungs-Computer zusammen, der so leistungsstark ist, das er wassergekühlt werden muss. Weltweit arbeitet Mercedes bei der Entwicklung der ADAS-Systeme mit US-Partner Nvidia zusammen, in China mit seinen ganz besonderen Ansprüchen ist es KI- und Software-Spezialist Momenta. Der End-to-end-Ansatz dieser Technologie ist also datengetrieben, das Auto lernt quasi auf jedem gefahrenen Meter dazu. Auch ich lerne auf der kleinen Testfahrt schnell dazu. Zum Schluss erkennt der CLA auch die avisierte Parklücke, misst sie aus und bringt uns sicher und punktgenau zum Ziel. Fazit: Wer sich einmal daran gewöhnt hat, möchte die Unterstützung im Straßenverkehr nicht mehr missen.
