Herr Roemheld – die hohen Kraftstoffpreise beschäftigen derzeit Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Für viele Autofahrer stellt sich die Frage, welche Mobilitätsformen überhaupt noch bezahlbar bleiben. Inwieweit kann EnBW die Ladepreise trotz Spannungen auf dem Energiemarkt stabil halten?
Die EnBW betreibt alle ihre Ladepunkte mit 100 Prozent Ökostrom. Für die nächsten Monate sehen wir trotz der nach wie vor dynamischen Situation im Nahen Osten überhaupt keine Notwendigkeit für Preiserhöhungen. Unsere Tarife bleiben also stabil, was heißt, dass Vielfahrer bei uns schon ab 39 Cent pro Kilowattstunde (bei 11,99 Euro monatlicher Grundgebühr) laden können. Haben Kundinnen und Kunden auch einen Strom- oder Gasvertrag bei der EnBW, profitieren sie zusätzlich vom Vorteilstarif und laden an mehr als 8.000 EnBW-Schnellladern schon ab 35 Cent. Doch schon mit unserem Einstiegstarif S (56 c/kWh) ohne Grundgebühr fährt man günstiger als mit dem Verbrenner – auch wenn man seinen Strom nur am Schnelllader zieht.
Was wird sich denn in den kommenden Jahren an der Schnelllade-Infrastruktur verändern?
Ich komme gerade aus China und habe dort Fahrzeuge sehen können, die mit sogenannten 15c-Batteriezellen in vier Minuten von 10 auf 80 Prozent laden können. Auf solche Ladeleistungen müssen wir uns mittelfristig auch im deutschen Markt einstellen. Ich gehe davon aus, dass die heute 400 kW starken Lader in fünf Jahren so reichlich an der Straße stehen wie einst die 50-kW-Säulen. Doch wir müssen die Infrastruktur weiter an die performanten Autos anpassen und immer stärkere HPC-Säulen verbauen.
Werden die bestehenden Standorte dafür umgebaut oder werden nur neue Ladeparks mit den noch stärkeren Ladern ausgerüstet?
Grundsätzlich plant die EnBW ihre Standorte so, dass diese auch dem zukünftigen Bedarf an Ladepunkten und Ladeleistung gerecht werden können. Natürlich werden ganz neue Ladeparks auch von mehr Ladeleistung profitieren. Aber unsere ersten Ladepunkte sind bereits zehn Jahre alt und sollen peu à peu umgerüstet werden. Bei der Netzplanung teilen wir unser EnBW HyperNetz dabei intern in drei Use-Cases auf: Das leistungsstarke Netz an Autobahnen profitiert schon heute von den stärksten Säulen mit bis zu 400 kW. Dann gibt es das sogenannte Retail-Netz – also Ladesäulen an Supermärkten oder Baumärkten. Mit 150 oder 200 kW können die meisten Ladevorgänge damit innerhalb eines Einkaufs abgeschlossen werden. Hinzu werden in Zukunft mehr und mehr City-Hubs kommen, die vor allem Kunden ohne eigene Lademöglichkeit helfen sollen, ihr Auto wie an einer Tankstelle in der Stadt schnell und günstig aufzuladen. Diese Stationen werden, wie Ladeparks an Autobahnen, die jeweils stärksten Lader bekommen.
Wir reden da aber noch nicht über das Megawatt-Charging für Lkw – richtig?
Nein – es geht uns vorrangig um Pkw und Laden mit dem Schnellladestandard CCS. Allerdings sorgen wir bei der Auslegung der Ladeparks immer mehr für Durchfahrtslösungen, sodass auch größere Transporter und Lkw die bestehende Infrastruktur bequem nutzen können.
Bisher setzten sie bevorzugt auf die Ladesäulen vom Südtiroler Hersteller Alpitronic. Kürzlich wurde ein großer Rahmenvertrag mit dem relativ kleinen chinesischen Hersteller XCharge geschlossen. Warum bricht die EnBW das Quasi-Monopol gerade jetzt auf, und welche technischen Vorteile versprechen Sie sich?
Mit der Partnerschaft erweitert die EnBW ihre Lieferantenbasis. Neben den bislang eingesetzten Ladestationen von Alpitronic kommt mit XCharge nun ein weiterer Anbieter hinzu. Vor dem Hintergrund globaler Unsicherheiten und volatiler Lieferketten gewinnt die Diversifizierung der Lieferantenbasis zunehmend an Bedeutung. Durch eine breitere Basis sichern wir die Qualität unseres Schnellladenetzes langfristig und stärken gleichzeitig unsere Resilienz. Wir haben die Produkte von XCharge auf Herz und Nieren getestet und sind sehr zufrieden mit der Performance, der Qualität und vor allem auch der Sicherheit – besonders hier gelten strenge Anforderungen. So erfolgt die Datenspeicherung in den Systemen der EnBW, auf die XCharge keinen Zugriff hat. Und als nach der europäischen NIS‑2‑Richtlinie eingestufte "besonders wichtige Einrichtung" erfüllen wir die klar definierten Pflichten an IT‑ und Betriebssicherheit. Die Meldung an das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) ist erfolgt.
Das heißt, dass EnBW den Netzausbau weiterhin mit großen Investitionen vorantreibt. Wann werden sich diese Kosten denn auszahlen – und wie stark beeinflussen die aktuell volatilen Strompreise Ihre langfristige Kalkulation?
Schon heute gibt es gut 8.000 Schnellladepunkte von uns und dafür haben wir bereits Hunderte von Millionen Euro investiert. Und das angekündigte Investitionsprogramm steht – mindestens bis 2030. Wir gehen also weiter in Vorleistung und möchten auch zukünftig rund 20% der benötigten Schnellladepunkte in Deutschland zur Verfügung stellen. Die Wirtschaftlichkeit der Infrastruktur steigt, aber perspektivisch müssen mehr Elektroautos auf die Straße kommen, damit die Auslastung klettert. Nur so kann sich der enorme Investitions-Aufwand rechnen – ganz unabhängig vom Strompreis.
Aber müssen es denn immer solch große Ladeparks sein, wie etwa am Kamener Kreuz mit 52 Schnellladepunkten?
Nein, große Ladeparks sind nicht überall sinnvoll. Momentan planen wir meist sechs, zwölf, 18 oder 24 Säulen pro Schnellladepark – je nach Standortbedingungen und Verkehrsaufkommen. Und wir planen die Standorte so, dass sie perspektivisch erweitert werden können. Das ist aber nur ein Weg, die Kapazität zu steigern. Wir versuchen, auch Ausweichmöglichkeiten zu bieten – also Parks in der Nähe, falls der eine überfüllt sein sollte, können die Kunden ausweichen. Wir merken nämlich auch, dass Kunden kleine Ladestandorte mit nur zwei Säulen eher meiden und lieber Ladeparks mit acht oder mehr Säulen ansteuern – wahrscheinlich aus Sorge, einzelne Säulen könnten belegt sein oder aus welchen Gründen auch immer nicht funktionieren.
Apropos nicht funktionieren – das Thema Kabeldiebstahl wird ja immer brisanter. Sicher leidet auch EnBW unter dieser Form der Kriminalität. Wie begegnen Sie Material-Klau und Vandalismus?
Wie viele andere Anbieter ist auch die EnBW von Kabeldiebstählen betroffen. Die Zahl der Vorfälle ist seit Sommer 2025 deutlich gestiegen. Stand Ende April 2026 wurden mehr als 1.400 Kabel an über 200 Standorten gestohlen, der Schaden liegt inzwischen im mittleren einstelligen Millionenbereich. Besonders betroffen sind einzelne Regionen in NRW, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt, während Süddeutschland bislang kaum betroffen ist. Der Materialwert des Kupfers liegt pro Kabel nur bei etwa 15 bis 30 Euro und ist wirtschaftlich wenig relevant, verursacht aber hohe Folge- und Reparaturkosten. Durch eine seit Ende 2025 zentral gesteuerte Leitstelle in Karlsruhe können wir beschädigte Ladepunkte im Idealfall innerhalb weniger Tage wieder in Betrieb nehmen. Zusätzlich setzen wir auf präventive Maßnahmen wie Beleuchtung oder Videoüberwachung, zeigen jeden Vorfall konsequent an und stehen im engen Austausch mit den Behörden. In den vergangenen Monaten konnte die Polizei dabei auch mehrere Tatverdächtige ermitteln und es erfolgten Festnahmen.
Wo liegen Ihrer Meinung nach denn sonst noch große Herausforderungen im Infrastruktur-Ausbau?
Eine der größten Herausforderungen beim Ausbau der Ladeinfrastruktur ist nach wie vor der Netzanschluss. Die Akquise von Flächen betreiben wir intern sehr professionell und konsequent. Auch den eigentlichen Aufbau der Säulen haben wir im Griff. Doch regionale Genehmigungen und vor allem der technische Anschluss ans Stromnetz können in Deutschland viele Monate dauern. Da sind viele Nachbarländer deutlich schneller als wir.
Aber müsste der Ausbau an Autobahnen jetzt nicht schneller gehen, wo das undurchsichtige Vergabe-Monopol von Tank & Rast durch ein Düsseldorfer Gerichtsurteil endgültig gekippt ist?
Wir waren nicht selbst an dem bekannten Verfahren beteiligt und schauen uns nun das Urteil des OLG Düsseldorf sowie dessen Begründung genau an. Die Analyse läuft noch. Hierzu stehen wir mit Tank & Rast im direkten Austausch.
Gibt es denn auch Aspekte, die in Deutschland besser funktionieren als anderswo – etwa in England, wo Sie ja zuvor als globaler Produktchef beim Ladeanbieter BP Pulse gearbeitet haben?
Ja, beim sogenannten Roaming sind wir viel besser aufgestellt. In England stand ich oft vor Säulen, die ich mit meinen Tarifen gar nicht erst aktivieren konnte. In Deutschland gibt es zwar viele Preis-Modelle, aber eben ein durchgängig funktionierendes Roaming. Damit ist also Planbarkeit garantiert und wenn ich das möchte, kann ich mit meiner EnBW-Ladekarte bequem durch Europa reisen. Allein mit unserem Ladeangebot können Kundinnen und Kunden über 900.000 Ladepunkte in insgesamt 17 europäischen Ländern nutzen.
