Sie kennen Gaimersheim nicht? Die kleine Gemeinde liegt vor den Toren von Audis Heimatstadt Ingolstadt. In Gaimersheim haben einige bedeutende Automobilzulieferer und Dienstleister ihren Standort, auch die Uedelhoven Studios. Selbst wenn sie diesen Design- und Ingenieurdienstleister nicht kennen, haben sie garantiert gesehen, was sie bei Uedelhoven können. Wo? Auf großen internationalen Automobilmessen und hier im hellsten Scheinwerferlicht. Denn das Uedelhoven-Team baut Showcars. Gut 100 exklusive Einzelstücke haben weltweit das Messepublikum entzückt. Oft fuhren sie aus eigener Kraft auf die Bühne, standen nach Abschluss ihres großen Auftritts für Fahraktionen zur Verfügung. Denn zur Kernkompetenz von Uedelhoven gehört nicht nur die perfekte Oberfläche, sondern auch das Entwickeln der Technik, die sich darunter verbirgt.
Warum wir das hier so ausführlich erklären? Erzählen wir gleich. Jetzt lassen wir uns erst einmal von SUE beeindrucken. SUE steht für Self-driving Urban E-Shuttle. Der Shuttlebus ist 5,4 Meter lang, 2,2 Meter hoch, 2,1 Meter breit und steht auf üppigen 22-Zoll-Rädern vor uns. Oberhalb der Gürtellinie bestimmen sanft gewölbte Fensterflächen das Design. Front und Heck sind nahezu identisch, optisch eher zurückhaltend freundlich ausgeführt, statt aggressiv, wie so viele andere Verkehrsteilnehmer.
Angenehme Atmosphäre
Gehen wir an Bord. Selbst ausgewachsene Nordeuropäer können erhobenen Hauptes einsteigen, die Stehhöhe liegt bei 1,90 Metern. Der Bus bietet zwei Abteile mit ausgesprochen loungig anmutenden Sitzplätzen. Hochwertige Stoffbezüge auf vielen Flächen, schaffen eine angenehme Atmosphäre.

Raffiniertes Konzept, mit einer Kombination aus Schiebe- und Schwenktür, für einen leichten Einstieg.
Der Autor ist skeptisch. Wie lassen sich diese Materialien reinigen? SUE soll schließlich als Shuttlebus Teil des öffentlichen Nahverkehrs werden. Projektleiter Alexander Uedelhoven kennt diese Skepsis und entkräftet sie. Die verwendeten Materialien, die vom Kunststoff-Zulieferer Covestro stammen, sind erstens sehr strapazierfähig und vor allem leicht austauschbar.
Ziel: das erste autonome-ÖPNV-Fahrzeug
Das ist wichtig, denn SUE ist mehr als ein weiteres Showcar-Einzelstück mit begrenztem Nutzen. Es ist ein Fahrzeug, zu dem ein komplettes Ökosystem mitgedacht worden ist, gefördert vom Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz. 11,6 Millionen Euro der öffentlichen Hand stecken in diesem Projekt. Dessen Ziel es war, das erste zulassungsfähige, autonome Fahrzeug für den ÖPNV der Zukunft auf die Räder zu stellen, Made in Germany. Alexander Uedelhoven schaut zurück auf das Jahr 2020. Damals startete das Projekt, auch mit dem Blick auf die Weiterentwicklung des Angebots der UE Studios. Mit den im Haus vorhandenen Kompetenzen wollte Uedelhoven einen Beitrag zur Mobilität der Zukunft leisten. So begann vor sechs Jahren die Partner- und Unterstützersuche, um ein Shuttle zu realisieren.

Die UE Studios bauen Premium-Showcars. Man sieht es dem von Alexander Uedelhoven umgesetzten Bus an.
Sich um eine staatliche Förderung zu bemühen, klingt nicht vergnüglich. Aber Uedelhoven schildert die Zusammenarbeit mit dem Ministerium als ausgesprochen gut. Eine wichtige finanzielle Hürde war genommen. Die in der Automotive-Branche gut vernetzten UE Studios wussten, wen sie ansprechen konnten. Den elektrischen Antriebsstrang entwickelte ElringKlinger, die Faissner Petermeier Fahrzeugtechnik kam für den Motor und die Systemintegration ins Team. Mit dem Fraunhofer EMFT-Institut wurden Sensorik und Aktuatorik für automatisierte und autonome Fahrfunktionen entwickelt, wesentliche Teile der Software steuerte die TU Braunschweig bei. Als wissenschaftlicher Partner kam außerdem die TH Ingolstadt hinzu und der TÜV Nord unterstützte bei der Zulassung. Darum darf SUE ganz selbstverständlich am öffentlichen Verkehr teilnehmen.
Ab Mitte 2026 nicht autonom, aber assistiert im Einsatz
Um so ein Fahrzeug bestmöglich in den ÖPNV einzubinden, war in der Projektphase auch die DB Regio mit an Bord und brachte Kenntnisse über Kundenbedürfnisse und einen reibungslosen Betriebsablauf mit ein. Den kommunalen Blick auf das Projekt steuerte die Industrie Fördergesellschaft Ingolstadt (IFG) bei. Und auch der Landkreis Kelheim wurde zum wertvollen Partner, weil SUE ab Mitte 2026 im Landkreis Kelheim auf Tour gehen und Teil des Nahverkehrs werden wird.
Allerdings ist SUE kein autonomes Fahrzeug. Ein Fahrer bestimmt Richtung und Tempo, unterstützt von einer Reihe Level 2+-Funktionen, zu denen bereits Kameras, Lidar und GPS-Lokalisierung gehören. Steer-by-Wire und Brake-by-Wire, also lenken und bremsen mit elektrischen Aktuatoren, sind Teil des Konzepts. An den vollautonomen Betrieb ist bereits gedacht, wie die Sensor-Phalanx nahelegt, die für die momentan umgesetzten Level 2+-Assistenz eher üppig ausfällt. Alexander Uedelhoven setzt sich an die Bedienkonsole des von den UE-Experten aufgebauten Busses. Per Knopfdruck schließt er die Tür, vergewissert sich mit einem Blick auf die kleinen Monitore, die die Außen- und den Innenspiegel ersetzen, dass das Umfeld frei ist und schiebt den kleinen Bedienhebel nach vorn. Kaum hörbar fährt das Shuttle los. Es legt quasi geschmeidig ab, wie eine Hafenfähre, ohne Rucken, angenehm passagierfreundlich. Darum geht es. Bei diesem Shuttle soll der Fahrgast im Mittelpunkt stehen oder besser, sitzen.
Für bis zu acht Passagiere
Mit Fahrer ist der Bus für fünf Fahrgäste ausgelegt. Vier sitzen vis-à-vis im hinteren Bereich, einer kann neben dem Fahrer Platz nehmen. Ein vollautonomer Betrieb wäre künftig mit bis zu acht Passagieren möglich, vier hinten und weitere vier vorn. Für Alexander Uedelhoven gehört zu diesem Shuttle-Service selbstverständlich eine App, mit der sich beispielsweise einzelne Sitzplätze oder Abteile buchen lassen.Was für ihn nicht dazugehört, sind große Monitore. Der Designer will seinen Fahrgästen einen klaren Innenraum bieten, ohne technoide Übertreibungen. Dafür mit pfiffigen Details, die den Umgang mit dem Shuttle angenehm machen sollen. So wie die Bedieneinheit an jedem Platz. Sie zeigt zum einen, ob der Sitz frei oder vorgebucht ist, ein analoger Timer weist auf den richtigen Zeitpunkt zum Ausstieg hin und per Drehring können beispielsweise Sitzheizung, die Temperatur im Bereich des Sitzplatzes oder die Beleuchtung angepasst werden.

Ab Mitte 2026 soll UE im regulären Pendelbetrieb Fahrgäste befördern, mit maximal 50 km/h.
Anders als viele andere Shuttlebusse erreicht das UE-Mobil alltagstaugliche 50 km/h. Uedelhoven fährt mit SUE flott und engagiert für die Bilder am Fotografen vorbei. Wir glauben ihm die Geschwindigkeit, auch ohne nachgemessen zu haben.
Sicher wie ein normaler Pkw
Weil die Sicherheit der Fahrgäste hoch priorisiert wurde, ist das Konzept crashoptimiert. Mit Blick auf die Türen, die für beide Abteile aus einer Kombination aus Schiebe- und Schwenktür bestehen, war das eine Herausforderung, die aber gemeistert werden konnte, berichtet der Projektleiter. Sicherheitsgurte und Kopfstützen für jeden Passagier verstehen sich von selbst. Weil das Shuttle die üblichen Crashanforderungen einhält, haben die Zulassungsbehörden es als Fahrzeug der Kategorie M1 eingestuft und damit normalen Pkw mit maximal acht Sitzplätzen gleichgestellt.
Diese Einstufung adelt die UE Studios zum Fahrzeughersteller, mit entsprechender Eintragung in den Papieren von SUE. Mit Blick auf die erreichten Ziele, entwickelt Alexander Uedelhoven den Bus gedanklich bereits weiter in Richtung Serientauglichkeit. Gespräche mit Partnern laufen. Er räumt aber ein, dass die zu überwindenden Hürden hoch sind. Allerdings scheint Gaimersheim ein guter Standort zu sein, um Ideen zu entwickeln, wie sich Hürden in Sprungbretter verwandeln lassen.
