BYD-Vizechefin Stella Li im Gespräch: „Flash-Charging macht E-Autos“ für alle tauglich"

BYD-Vizechefin im Gespräch
Wie BYD mit Turbo-Laden den Gesamtmarkt angreift

ArtikeldatumVeröffentlicht am 29.04.2026
Wie BYD mit Turbo-Laden den Gesamtmarkt angreift
Foto: Gerd Stegmaier

Der von dünnen Wänden umgrenzte Raum auf dem BYD-Messestand der Auto China in Peking ist kaum 10 Quadratmeter klein, der Andrang riesig. Der chinesische Hersteller hat mehr als 90 Journalisten zur Messe eingeladen. Sie bekommen, eingeteilt in Gruppen, die den Raum schier zum Bersten bringen, jeweils 15 Minuten mit Stella Li, Senior Vice President des chinesischen E-Auto-Giganten. Stella Li sitzt auf einem schmalen Sofa, was sie gegenüber den der Enge wegen meist stehenden Journalisten noch kleiner wirken lässt. Von Beginn an beantwortet sie sämtliche Fragen auch nach der x-ten Runde am Ende des Messetages zugewandt und klar in routiniertem, wenn auch nicht akzentfreiem Englisch und liefert dabei etliche klare Aussagen ohne einen Anflug von Aggressivität. Nicht mal, als es um die im ersten Quartal infolge der auslaufenden E-Auto-Förderung auf dem Heimatmarkt deutlich rückläufigen Absatzzahlen von BYD geht.

Ist der Preiskampf in China jetzt vorbei – oder fallen die Preise weiter?

Stella Li: In China ist der Wettbewerb sehr hart. Man kann das nicht einfach "Preiskrieg" nennen – es geht um alles: Wettbewerb um Technologie, um Innovation, um alles. BYD ist hier sehr stark. Und die Flash-Charging-Technologie ist ein echter Schutzwall: Da kommt im Moment kaum jemand hinterher. Das ist ein echter Game-Changer. Denn früher – sogar für BYD in China – konnten wir vor allem in dem Teil des Marktes spielen, in dem die NEV-Durchdringung (NEV = New Energy Vehicles, also PHEV und EV, Anmerkung d. Red.) hoch war. Letztes Jahr waren das 62 Prozent, Anfang dieses Jahres aber nur 30 Prozent. Wir haben faktisch nur in diesem Teil des Gesamtmarkts gespielt. Mit Flash Charging können wir den gesamten Markt bespielen – und das macht BYD noch stärker.

Warum kaufen in China überhaupt noch so viele Menschen Verbrenner? Benzin kostet umgerechnet aktuell zwischen 1,10 und 1,28 Euro, die kWh Strom nur 7 Cent…

Stella Li: Das ist eine sehr gute Frage. Selbst in meiner Familie sind viele noch stur. Sie vertrauen dem Laden nicht: Es dauert ihnen zu lange, und sie wollen nicht länger als eine halbe Stunde warten. Viele zweifeln außerdem an der Sicherheit. Und dann gibt es noch das Thema Kälte: Sie glauben, das E‑Auto funktioniert bei Kälte nicht richtig oder lädt nicht; und in der Kälte kann es tatsächlich länger dauern – erst muss sich das System aufwärmen, das kann eine halbe Stunde bis eine Stunde dauern, und dann kommt erst das eigentliche Laden. Und viele finden die Ladeinfrastruktur nicht zuverlässig. Aber mit Flash Charging lösen wir diese Probleme. Damit geht eine große Tür auf. Und weil der Ölpreis zuletzt steigt, wird der Verbrenner als Konzept schwächer. Jetzt haben wir eine Lösung – und E‑Auto fahren spart Geld. Deshalb springen unsere Verkäufe global stark: In Australien sind wir etwa auf das Dreifache, in Brasilien wachsen wir weiter zweistellig, und in Deutschland verdoppeln wir uns jeden Monat.

Löst der Verkaufssprung das Thema Überproduktion?

Stella Li: Wir sprechen nicht von Überproduktion. Man muss manchmal Kapazitäten aufbauen, um neue Technologie umzusetzen. Und aktuell haben wir eher Engpässe bei Zulieferern. Zum Beispiel ist die Kapazität für unsere Blade-Zellen der zweiten Generation noch nicht da, wo wir sie brauchen. Wir erhöhen die Kapazitäten, aber wir können die gesamte Nachfrage noch nicht vollständig bedienen.

Europäische Hersteller kommen nach China, um zu lernen. Was müssen sie lernen, um künftig zu bestehen?

Stella Li: Technologie. Investiert in Elektroautos und autonomes Fahren – das ist die Zukunft! Jeder muss in Technologie investieren und sich dem Wettbewerb stellen. Da muss man durch.

Erwarten Sie durch Politik (z. B. Trump/USA) Veränderungen – etwa, dass chinesische EVs leichter in die USA kommen?

Stella Li: Ich achte darauf nicht wirklich. BYD trifft Geschäftsentscheidungen auf Basis einer nachhaltigen Zukunft. Unsere langfristige Vision wird nie davon abhängen, was Politiker kurzfristig machen. Politik wird dein Geschäft nicht tragen. Du musst die Bedürfnisse der Verbraucher erfüllen – dann wirst du stark und kannst wirklich etwas verändern.

Planen Sie konkret, in die USA zu gehen?

Stella Li: Nach unserem aktuellen Plan berücksichtigen wir die USA nicht.

Was ist bei neuen Modellen für Europa am wichtigsten – gerade auch bei Denza und ihren DM‑i-PHEV-Modellen?

Stella Li: Für BYD sind bei europäischen Modellen zwei Dinge entscheidend: Erstens die Fähigkeit zum Flash-Charging. Zweitens Hardware, die für automatisiertes Fahren vorbereitet ist.

Bekommen alle neuen Denza Modelle, auch die PHEV-Versionen Flash-Charging?

Stella Li: Ja, für BYD, für jedes europäische Modell, sind das die zwei wichtigsten Features. Eins ist die Flash-Charging-Fähigkeit. Zweitens wird die Hardware fürs automatisierte Fahren bereit sein.

Wie wollen Sie mit Denza als Premiummarke konservative europäische Kunden überzeugen?

Stella Li: Mit Geduld und der richtigen Strategie – und indem man den Markt "aufklärt", also erklärt und erlebbar macht. Eine Luxusmarke ist vor allem Erfahrung: Es geht um das Gefühl. Es reicht nicht, nur das Auto zu haben oder nur ein gutes Design. Du brauchst das Gesamtpaket – und dazu Innovation und auch eine Art Identität, also Ausstrahlung. Wir glauben: Technologie treibt Eleganz.

Glauben Sie, dass Aston‑Martin‑Fahrer beispielsweise auf Denza umsteigen würden?

Stella Li: Ich garantiere es. Sobald sie einen BYD gefahren sind und dann den Z9 GT erleben, kommt dieser "Wow"-Moment: "Das ist ein cooles Auto."

In China gibt es strengere Regeln, Zulieferer schneller zu bezahlen (z. B. innerhalb von 60 Tagen). Halten Sie das ein?

Stella Li: Ja, natürlich. BYD ist ein führendes Unternehmen. Wir müssen – und wir werden – alle staatlichen Vorgaben einhalten.

Ihre Verkäufe waren Anfang des Jahres schwächer. Wie gehen Sie mit dem Rückgang um?

Stella Li: Der Rückgang kam im Wesentlichen im Februar, weil die Subventionen weggefallen sind. Dadurch ist die gesamte Branche zurückgegangen, und der NEV-Markt ist stark geschrumpft. Unsere Penetration steigt zwar, aber der Gesamtmarkt ist kleiner geworden.Und ganz wichtig: BYD verschiebt die Strategie auf Flash Charging. Wir wollten bewusst, dass die Händler erst einmal die Bestände abbauen. Wir haben kein zusätzliches Inventar in den Markt gedrückt.

Helfen Ihre eigenen Schiffe bei den aktuellen Logistikproblemen?

Stella Li: Ja, das hilft aktuell sehr. Wir haben Konflikte im Nahen Osten, es gibt Knappheit bei Transportkapazitäten, die Kosten sind hoch, und die Logistik dauert länger – das verändert die gesamte Kostenrechnung. Mit eigenen Schiffen hilft uns das deutlich.

Wie viele Schiffe haben Sie?

Stella Li: Acht – und dabei wird’s auch bleiben.

Sichern Sie sich zusätzliche Kapazitäten?

Stella Li: Ja. Wir arbeiten mit anderen Unternehmen zusammen, um Kapazitäten zu sichern – zum Beispiel Schiffe langfristig zu reservieren, für ein oder zwei Jahre Betrieb und solche Dinge.

Wollen Sie der größte Autohersteller der Welt werden – und wenn ja, bis wann?

Stella Li: Unser Fokus liegt stärker darauf, die Marke aufzubauen – besonders den erfolgreichen Start im Luxussegment – und global überall weiter zu wachsen. Wir sind weniger darauf fokussiert, unbedingt "Nummer eins" nach Stückzahlen zu werden. Das streben wir nicht aggressiv an.

Wie weit sind Sie mit möglichen Formel‑1‑Plänen?

Stella Li: Wir sprechen darüber, aber es gibt noch keine Entscheidung und keine Verpflichtung. Wir müssen erst den richtigen Motorsport finden, in dem wir unsere Technologie wirklich zeigen können.

Spüren Sie Spannungen beim Thema Technologietransfer nach Europa? Gibt es Einschränkungen aus Peking?

Stella Li: Nein. Wenn man von Technologietransfer spricht, gehört auch Investment vor Ort dazu. Wir investieren – zum Beispiel als Komponenten-/Teilehersteller in Europa, auch in Brasilien und anderen Ländern.

Sie starten Produktion in Ungarn. Warum ist lokale Produktion in Europa so wichtig?

Stella Li: BYD ist ein globales Unternehmen, aber wir wollen stärker lokalisieren. Unsere Philosophie ist: Wenn wir hier Geschäft haben, dann produzieren wir auch lokal. Und global gesehen ist es nicht mehr "eine" Globalisierung – es geht eher Richtung Entkopplung, Lokalisierung und lokaler Schutz. Deshalb ist diese Strategie wichtig – auch für eine nachhaltige Zukunft.

Es gibt Ideen/Regeln wie "70 Prozent europäischer Anteil". Schaffen Sie das?

Stella Li: Wenn die Konkurrenz das kann, können wir das auch. Aber ich halte diese Regulierung für kaum umsetzbar. Sie schadet vielen Unternehmen – sie schadet Innovation und Wettbewerbsfähigkeit. Politik sollte sich nicht zu stark in private Unternehmen und deren operative Abläufe einmischen.

Stimmt es, dass Sie viele Ingenieure von Porsche und BMW einstellen? Kommt "God’s Eye" nach Europa?

Stella Li: Kommen Sie zur nächsten Pressevorstellung – dazu gibt es später mehr. Ein paar Dinge halten wir noch zurück.

Wann gibt es in Norwegen eine eigene, dedizierte Vertriebsorganisation?

Stella Li: Gute Frage. Wir arbeiten gerade daran. Wir bauen ein neues Managementteam auf und ein Netzwerk, und wir werden unser eigenes Netz aufbauen. Wir sind schon dabei.

Sie sind weltweit schon unter den Top‑5. Was treibt Sie an – "Nummer eins"? Ihre Mitarbeiter proklamieren das oft, recken den Daumen bei Fotos und sagen: "BYD number one"…

Stella Li: Wir machen einfach weiter, arbeiten hart, und dann sieht man die Ergebnisse."Number one" ist eher ein motivierender Anspruch, ein abstraktes Ziel – jeder will doch Champion sein. Wenn du bei Olympia antrittst, träumst du von Gold; in der Autoindustrie ist "Nummer eins" ein ähnlicher Traum. Aber es ist kein reales internes Ziel, kein KPI.

Warum wird die Elektromobilität im neuen chinesischen Fünfjahresplan nicht mehr erwähnt – heißt das weniger Unterstützung für die Branche?

Stella Li: Nein, nicht deshalb. E‑Mobilität ist in China vielmehr bereits weit fortgeschritten – mehr als 60 Prozent NEV. Man muss das gar nicht mehr als Schwerpunktprojekt behandeln. Die Regierung pusht schon die nächste Industrie. Die EV-Transformation bewegt sich ohnehin natürlich Richtung 100 Prozent. Dieses Projekt ist im Grunde abgeschlossen, den Rest macht der Markt.

Sind die Effekte der Subventionskürzungen jetzt vorbei – kommt wieder Wachstum?

Stella Li: Wenn wir über eine nachhaltige Zukunft sprechen, sollte keine Industrie dauerhaft von Subventionen oder künstlicher Unterstützung abhängen. Wenn die Branche natürlich wächst, dann ist das gesund und nachhaltig.

Werden Sie dieses Jahr mehr EVs verkaufen als letztes Jahr?

Stella Li: Ja, deutlich mehr. Der Grund ist Flash Charging – das wird ein großer Game-Changer. Denken Sie an China und auch an unsere Denza-Kunden in Europa: Wir bieten zum Beispiel 1,5 Jahre kostenlosen Strom über unser Flash-Charging-Angebot, und hier ein Jahr kostenlos. Wer will das nicht? Das bringt viele Menschen in diese Technologie.

Andere behaupten auch, noch schneller laden zu können – ist das nicht eine Herausforderung?

Stella Li: Ja, aber wo ist das Auto? Wo ist die Realität? Jeder kann eine Power-Point-Präsentation machen und irgendetwas behaupten. Aber wo ist das Fahrzeug? Sind Sie es gefahren? Haben Sie selbst geladen? Funktioniert es bei Kälte? Power-Point kann jeder – wir sind die, die es wirklich real auf die Straße bringen.

Europäische Marken lernen EV-Technik von China. Was können chinesische Marken von Europa lernen?

Stella Li: Viel. Wir haben von europäischen und japanischen Unternehmen viel gelernt – bei Effizienz, Management und auch beim Fahrerlebnis: Wie man das abstimmt, wie man diese "cool driving experience" hinbekommt. Wir sind da sehr demütig. Wir bewundern Toyota und auch Mercedes-Benz und BMW – deren Kultur rund um das Fahrerlebnis. Wir lernen weiter.