Antriebswende: Auf die Flotten und Dienstwagen kommt's an!

E-Mobilität in Europa
Wie Belgien uns bei der Antriebswende abhängt

ArtikeldatumVeröffentlicht am 13.05.2026
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Foto: Berylls by AlixPartners

Interview-Zusammenfassung

Luca Leicht: Henning, wer bist du und was ist deine Mission?

Henning Ludes: Ich bin bei Berylls by AlixPartners tätig, einem Beratungsunternehmen, das sich ausschließlich mit Automobilität beschäftigt. Ich kümmere mich insbesondere um die E-Mobilität: von der Frage, ob sich Investitionen für OEMs in neue Plattformen lohnen, bis hin zur Analyse der Ladeinfrastruktur und ob unser Netz die wachsende Flotte tragen kann.

Leicht: Wenn man eure Studie liest, wirkt es, als scheitere die E-Mobilität gar nicht an der Technik, sondern an Kosten, Tempo und der Politik. Siehst du das auch so?

Ludes: Die EU verfolgt prinzipiell einen Kurs, die E-Mobilität in Europa zu fördern. An den Zahlen sieht man aber auch die große Unsicherheit der Konsumenten: 2023 lag der EU-Verkaufsanteil bei 14 Prozent, 2024 gab es einen Rückgang. Das liegt oft daran, dass Förderprogramme für Privatkunden wie der Umweltbonus auslaufen. Märkte wie Norwegen machen das besser, indem sie ein konsequentes Ziel verfolgen und nicht alle drei Jahre eine Kehrtwende vollziehen, die alle verunsichert.

Gerd Stegmaier: Ist das Problem eher die politische Message oder der konkrete Geldwert durch wegfallende Förderungen?

Ludes: Sowohl als auch. In den frühen Jahren spielen Prämien eine Rolle, um Akzeptanz zu schaffen. Später nähern sich die Gesamtkosten (TCO) über den Lebenszyklus zwar an, aber die subjektive Unsicherheit bleibt. Wenn ständig über das Verbrenner-Aus debattiert wird, verunsichert das den Privatkunden. Planbarkeit ist für Hersteller und Zulieferer das A und O.

Leicht: Wo liegen die regionalen Unterschiede in Europa?

Ludes: Norwegen ist der Primus mit 90 Prozent Verkaufsanteil und 30 Prozent Anteil in der Flotte. Dann folgen Dänemark, die Beneluxländer, Deutschland und Frankreich. In Süd- und Osteuropa liegen die Anteile oft noch unter 10 Prozent. Erfolgreich sind Länder mit klarer Zielsetzung, attraktiven Förderprogrammen für Gewerbe und einer Modellvielfalt, die über das Premium-Segment hinausgeht.

Leicht: Was ist die größte Fehlannahme der Automobilindustrie beim Blick auf diese Zahlen?

Ludes: Es wird zu sehr auf die Absatzzahlen geschaut. Wir haben in Europa im Schnitt nur drei Prozent elektrifizierte Fahrzeuge in der Flotte. Selbst wenn wir 20 Prozent Neuzulassungen haben, fügen wir der Flotte pro Jahr effektiv nur etwa zwei Prozent hinzu. Wenn das ökologische Ziel die Überschrift ist, dann ist die Flotte der entscheidende Hebel, nicht nur der Absatz.

Stegmaier: Haben wir eine Chance, das Ziel der EU – keine neuen Verbrenner ab 2035 – realistisch zu erreichen?

Ludes: Eine Chance besteht, aber der Weg ist steinig. Selbst wenn die EU-Ziele umgesetzt werden, sind wir 2035 erst bei einem Flottenanteil von 30 Prozent BEVs. In Ländern wie Italien oder Spanien, die heute unter 10 Prozent liegen, müssten die gewerblichen Verkäufe auf über 60 Prozent steigen. Das Ziel auf dem Papier ist gut, aber es muss wirtschaftlich nachhaltig unterfüttert werden.

Leicht: Ein elektrischer Polo soll zwischen 25.000 und 35.000 Euro kosten. Ist das für die breite Masse überhaupt erschwinglich?

Ludes: Aktuell sind wir in Europa noch nicht in der Preisparität zum Verbrenner. Deshalb wird der Hochlauf primär von Flottenfahrzeugen getrieben, die 60 Prozent des Marktes ausmachen. In Ländern wie Belgien oder Deutschland ziehen diese Firmenwagen-Märkte stark an. Der Privatkunde wird wahrscheinlich erst ab 2030 zum stärkeren "Kick" für den Markt.

Stegmaier: Werden die ausrangierten Dienstwagen dann attraktive Gebrauchte für Privatkunden?

Ludes: Das ist eine interessante Dynamik. Aktuell werden BEVs oft kürzer gehalten, weil sich die Technologie bei Reichweite und Batterien so schnell überholt. Ein gebrauchtes E-Auto ist weniger attraktiv, wenn Neufahrzeuge bereits die doppelte Reichweite bieten. Das verlangsamt den Substitutionseffekt in der Flotte, da Verbrenner tendenziell länger gefahren werden.

Leicht: Warum funktioniert das System in Belgien so viel besser als in Deutschland?

Ludes: Belgien nutzt steuerliche Abschreibungsvorteile für Unternehmen viel konsequenter. Man kann dort die Kosten für ein BEV zu 100 Prozent abschreiben, was ein enormer bilanzieller Vorteil ist. In Deutschland liegt der Fokus stärker auf der Arbeitnehmerseite; zum Beispiel mit der 0,25-Prozent-Regelung. Die belgische Konsequenz führte dazu, dass der Sales-Anteil in vier Jahren von unter 10 auf über 30 Prozent stieg.

Leicht: Wie steht es um die Ladeinfrastruktur? In Deutschland herrscht oft die Angst, nicht laden zu können.

Ludes: Faktisch steht Deutschland mit 45 Fahrzeugen pro HPC-Lader sehr gut da. In Norwegen kommen über 100 Fahrzeuge auf einen Lader. Der Unterschied: In Norwegen laden 70 bis 80 Prozent zu Hause. Deutschland ist ein Flächen- und Transitland, in dem 40 bis 50 Prozent der Nutzer auf öffentliche Infrastruktur angewiesen sind. Wir dürfen beim Ausbau nicht pausieren, denn die Energienachfrage wird bis 2035 um den Faktor sechs steigen.

Stegmaier: Hersteller wie BYD bringen nun High-Performance-Charger nach Europa. Brauchen wir diese Megawatt-Lader flächendeckend?

Ludes: Die durchschnittliche Ladeleistung der Fahrzeuge über die Dauer eines Ladevorgangs liegt heute unter 100 kW und wird auch in zehn Jahren eher bei 120 bis 130 kW liegen. Auch wenn immer mehr Fahrzeuge das Plateau der maximalen Ladeleistung länger halten werden können, brauchen wir also nicht überall Megawatt-Charger. Viel wichtiger ist die Location: Der Lader muss direkt an den Verkehrsachsen stehen, ohne dass man 20 Minuten abfahren muss.

Leicht: Was sind die wichtigsten Faktoren, damit die Entwicklung nicht stagniert?

Ludes: Erstens: Klare, verlässliche Ziele der EU ohne ständige Debatten. Zweitens: Nachhaltige Förderinstrumente, die auf zehn Jahre statt auf zwei Jahre ausgelegt sind. Und drittens: Ein attraktives Modellangebot europäischer Hersteller im Volumensegment zu Kosten, die für die breite Masse funktionieren. Wir müssen den Berg sehen und uns darauf freuen, aber behutsam und wirtschaftlich nachhaltig vorgehen.

Der Moove-Podcast als Video

Henning Ludes zum E-Mobility-Ranking von Berylls by AlixPartners